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Abgasskandal
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Als Diesel- oder Abgasskandal (auch Dieselgate) wird seit 2015 die Kombination aus einer Reihe von Ăźberwiegend illegalen Manipulationen verschiedener Autohersteller (Audi, VW, Daimler und teilweise auch BMW) und Konzerne wie Bosch zur Umgehung gesetzlich vorgegebener Grenzwerte fĂźr Autoabgase und â im Gegenzug â der politischen Einflussnahme zu deren Absicherung bezeichnet. Bereits 2006 äuĂerten die 4 groĂen Autohersteller bei Bosch den Wunsch ânach einer Funktion, die in bestimmten Betriebsbereichen geringere Umsätze der Harnstoffdosierung erreichtâ und Bosch wies sie darauf hin, dass dies vorsätzlichem Betrug gleichkäme.
Am 18. September 2015 wurde Ăśffentlich bekanntgemacht, dass die Volkswagen AG eine illegale Abschalteinrichtung in der Motorsteuerung ihrer Diesel-Fahrzeuge verwendete; die US-amerikanischen Abgasnormen wurden nur in einem speziellen PrĂźfstandsmodus erreicht, im Normalbetrieb wird dagegen ein GroĂteil der Abgasreinigungsanlage weitgehend abgeschaltet. Die Aufdeckung wurde durch eine Notice of Violation der US-UmweltbehĂśrde Environmental Protection Agency (EPA) angestoĂen. Laut der Volkswagen AG sei die betreffende Software in weltweit etwa elf Millionen Fahrzeugen mit der Motorenreihe VW EA189 zum Einsatz gekommen. In Europa und den USA ist auch die Nachfolgereihe VW EA288 betroffen.cite-ref-tagesschau-de-1-0[1] Laut der Nachrichtenagentur Reuters wurde die Software jedoch fĂźr vier verschiedene Motorentypen angepasst.
VW hatte zuvor, zur FĂśrderung des Verkaufs und ErhĂśhung des Marktanteils von dieselbetriebenen Autos in den USA, gerade diese Fahrzeuggeneration in groĂen Werbekampagnen als besonders saubere âClean-Dieselâ beworben.
Betroffen sind laut dem deutschen Bundesverkehrsministerium auch in Europa zugelassene Autos â innerhalb der EU sind Abschalteinrichtungen in dieser Form seit 2013 verbotencite-ref-2[2] â sowie laut einer zweiten Notice of Violation der EPA von Anfang November 2015 auch Fahrzeuge von Audi und Porsche. Als Folge des Skandals trat der Vorstandsvorsitzende der Volkswagen AG, Martin Winterkorn, zurĂźck; der Aufsichtsrat berief den bisherigen Vorstandsvorsitzenden der Porsche AG, Matthias MĂźller, zu dessen Nachfolger.
Die ursprĂźngliche VW-Abgasaffäre war AuslĂśser einer weitreichenden Krise in der Automobilindustrie.cite-ref-3[3] Viele Studien stellten Abweichungen zwischen realen und PrĂźfstandemissionen bei den Modellen deutscher und anderer Hersteller fest.cite-ref-4[4] Gerade das Problem der ĂźberhĂśhten Stickoxidwerte bei Dieselfahrzeugen und deren gesundheitliche Folgen gewann infolge der VW-Dieselaffäre stark an Ăśffentlicher Aufmerksamkeit. Das Ăberschreiten von PrĂźfstands-Grenzwerten im Realbetrieb war und ist in Europa nicht illegal; erst seit Gelten des WLTP gilt fĂźr dessen Realbetrieb-nahen Zyklus eine Obergrenze vom 2,1-Fachen des alten PrĂźfstands-Grenzwerts; es gab und gibt in Europa keinen Grenzwert fĂźr den Realbetrieb.cite-ref-hblatt-5-0[5]cite-ref-eugh-6-0[6] Es ist bewiesen, dass die Hersteller viele Jahre vor Bekanntwerden des Skandals die MaĂnahmen anordneten oder von diesen wussten. Politische und wissenschaftliche Gremien, Regierungsstellen und Interessenverbände hatten ebenfalls Jahre vor dem Bekanntwerden auf UnregelmäĂigkeiten hingewiesen und vor deren Folgen gewarnt.
Am 2. August 2017 fand in Deutschland das Nationale Forum Diesel (auch Diesel-Gipfel genannt) statt, bei dem die deutsche Bundesregierung und deutsche Automobilhersteller Vereinbarungen hinsichtlich SchadstoffausstoĂ-Reduktionen trafen.cite-ref-tagesanzeiger-20170802-7-0[7]
Der Abgasskandal fĂźhrte auch dazu, dass eine Verkehrswende in der politischen Diskussion von verschiedener Seite diskutiert und gefordert wird.cite-ref-8[8]cite-ref-9[9]
Contents
⢠USA
⢠Deutschland
⢠Frankreich
⢠Italien
⢠Spanien
⢠Belgien
⢠Rßckrufe
⢠Asien
⢠Europa
⢠Nordamerika
⢠Volkswagen
⢠Bosch
⢠Siehe auch
⢠Literatur
⢠Rundfunkberichte
⢠Weblinks
⢠Einzelnachweise
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Zur Vorgeschichte
Technische Vorgeschichte
Das Problem der Luftverschmutzung durch Kfz rĂźckte im Zuge der Massenmotorisierung der 1950er Jahre in das Ăśffentliche Bewusstsein, ausgehend von der Situation der Stadt Los Angeles. 1959 wurden in Kalifornien Standards fĂźr die Luftqualität festgelegt, aus denen Emissionsgrenzwerte fĂźr Kraftfahrzeuge entwickelt wurden, die ab 1966 eingehalten werden sollten. 1968 trat schlieĂlich ein Gesetz zur Beschränkung der Abgasemissionen in Kraft.
In der Bundesrepublik Deutschland wurden fĂźr Pkw mit Ottomotor 1971 Abgasgrenzwerte eingefĂźhrt. Es folgte eine ständige Verschärfung der Grenzwerte, was einen groĂen Einfluss auf die Entwicklung der Verbrennungsmotorentechnik hatte.cite-ref-10[10] Das erste nach heutigen MaĂstäben moderne Abgasnachbehandlungssystem wurde in Form des 1973 auf den Markt gekommenen Dreiwegekatalysators erst 1981 fĂźr Pkw eingefĂźhrt,cite-ref-11[11] wobei es noch weitere 10 Jahre dauern sollte, ehe das System zur Basisausstattung der Pkw zählte. Lange wurde schlechtes Abgasverhalten vor allem aus anderen GrĂźnden vermieden, so wurde zum Beispiel bei Dieselmotoren versucht, eine mĂśglichst rauchfreie Verbrennung zu erzielen, um die Standzeit zu verbesserncite-ref-12[12] oder um eine Gefährdung der Verkehrssicherheit durch Schwärzung der Luft zu vermeiden.cite-ref-13[13]
Da konventionelle Ottomotoren anders als Dieselmotoren mit einem stÜchiometrischen Gemisch betrieben werden, funktionieren sie jedoch mit dem Dreiwegekatalysator zusammen, wodurch Kohlenwasserstoffe, Kohlenstoffmonoxid und Stickoxide zu Wasser, Stickstoff und Kohlenstoffdioxid umgewandelt werden.cite-ref-14[14] Werden bei der Verbrennung im Ottomotor zum Beispiel durch ßberstÜchiometrischen Magerbetrieb zu viele Stickoxide erzeugt, muss stattdessen ein NOx-Speicherkatalysator verwendet werden.cite-ref-15[15] Erste Ottomotoren mit ßberstÜchiometrischem Gemisch, die Ende der 1990er-Jahre aufkamen, hatten jedoch trotz des Einsatzes eines fßr damalige Verhältnisse aufwändigen Abgasreinigungssystems ein derart schlechtes Abgasverhalten (vor allem starke Kohlenwasserstoff- und Stickoxidemissionen), dass von einer Markteinfßhrung auf Märkten mit damals strengen Abgasvorschriften (Europa und die USA) abgesehen wurde.cite-ref-16[16]
Dieselmotoren fĂźr Pkw haben etwa seit Beginn der 1990er-Jahre wegen des beim Dieselmotor nicht funktionsfähigen Dreiwegekatalysators einen ungeregelten Oxidationskatalysator.cite-ref-17[17] Dieser wandelt Stickstoffmonoxid zu Stickstoffdioxid, reduziert HC- und CO-Emissionen und senkt den PartikelausstoĂ.cite-ref-18[18] Anfang des 21. Jahrhunderts geriet der Pkw-Dieselmotor vor allem wegen des RuĂausstoĂes in die Kritik. Die deutsche Automobilindustrie vertrat die Ansicht, dass ausschlieĂlich innermotorische MaĂnahmen den RuĂausstoĂ mindern wĂźrden, dennoch wurde letztlich flächendeckend der RuĂpartikelfilter fĂźr den Dieselmotor eingefĂźhrt.cite-ref-19[19] Moderne Ottomotoren mit Benzindirekteinspritzung mĂźssen jedoch wegen ihres RuĂausstoĂes gegebenenfalls auch mit einem RuĂpartikelfilter ausgerĂźstet werden.cite-ref-20[20] Mit der EinfĂźhrung strengerer Abgasgrenzwerte, insbesondere fĂźr Stickoxide, wurde bei Ottomotoren ein besseres Abgasreinigungssystem unabdingbar.cite-ref-21[21] Bei Dieselfahrzeugen wurde versucht, mit innermotorischen MaĂnahmen (geringe Verbrennungstemperatur) den StickoxidausstoĂ zu senken und den dadurch grĂśĂeren RuĂpartikelausstoĂ durch einen RuĂpartikelfilter zu kompensieren, doch genĂźgte dieses Verfahren zunehmend den verschärften Abgasgrenzwerten nicht mehr, sodass nachmotorische Verfahren wie Speicherkatalysator und selektive katalytische Reduktion notwendig wurden, das bereits seit längerer Zeit fĂźr Nutzfahrzeugmotoren eingesetzt wurde.cite-ref-22[22] Das Abgasverhalten wurde insbesondere bei Pkw-Dieselmotoren bis etwa 2015 auf RollenprĂźfstandtestzyklen wie WLTP, US06 und FTP75 hin optimiert, was nicht illegal war und ist. Diese Optimierung auf genormte PrĂźfzyklen bewirkte im realen Fahrbetrieb weitaus hĂśheren SchadstoffausstoĂ als im Rechenmodell und im PrĂźfzyklus; Hersteller wie Volkswagen verwendeten letztlich eine Software, die erkennt, ob ein Automobil im Testzyklus fährt und entsprechend das Abgasreinigungssystem illegalerweise speziell auf die Anforderungen des Testzyklus einstellt, ein spezieller PrĂźfzyklus-Modus, der fĂźr den Normalbetrieb wieder abgeschaltet wird.cite-ref-23[23] Heute (2018) wird versucht, das Emissionsverhalten nicht mehr auf PrĂźfzyklen hin zu optimieren, sondern im tatsächlichen Fahrbetrieb (RDE) zu verbessern.cite-ref-24[24]
Vorgehen bei VW, 2005â2015
Im Jahr 2005 plante Volkswagen, die Rechte am Abgasreinigungssystem BlueTec des Daimler-Chrysler-Konzerns zu erwerben, man entschied sich aber dann, ein eigenes System zu entwickeln.cite-ref-bild-2015-25-0[25]cite-ref-nyt2015-10-04-26-0[26]cite-ref-27[27]
Laut eines Protokolls vom 14. September 2006, bei dem Vertreter von Bosch, Audi, VW, DaimlerChrysler und BMW vertreten waren, gab es den Wunsch der Bosch-Kunden ânach einer Funktion, die in bestimmten Betriebsbereichen geringere Umsätze der Harnstoffdosierung erreichtâ.cite-ref-presse-28-0[28]
Volkswagen entschied um 2006,cite-ref-opa2016-09-09-29-0[29] das Steuergerät des Motors VW EA189 so zu programmieren, dass vom standardmäĂigen Betriebsmodus mit hoher Motorleistung und hohem Wirkungsgrad, aber auch hohem StickoxidausstoĂ, immer dann auf einen Modus mit niedrigem StickoxidausstoĂ umgeschaltet wird, sobald ein Abgastest erkannt wird. Damit hatte Volkswagen eine Abschalteinrichtung (englisch defeat device) verwirklicht.cite-ref-nyt2015-10-04-26-1[26]cite-ref-cwthwart-30-0[30]
Ab dem Modelljahr 2009 begann die Volkswagengruppe damit, ihre fßr Personenkraftwagen konstruierten Turbodieselmotoren (TDI) vom Pumpe-Dßse-System auf Speichereinspritzung (Common-Rail) umzustellen. Diese Technik erlaubt eine präzisere Kraftstoffeinspritzung, da Einspritzdruckerzeugung und Einspritzzeitpunkte, anders als beim Pumpe-Dßse-System,cite-ref-31[31] voneinander entkoppelt und nicht von der Einspritznockenstellung abhängig sind.cite-ref-32[32] Mit der Speichereinspritzung ist ein besseres Geräusch- und Abgasverhalten bei gleichzeitig reduziertem Kraftstoffverbrauch und hÜherer spezifischer Leistung mÜglich.cite-ref-33[33]cite-ref-34[34]cite-ref-35[35]
Mit der EinfĂźhrung von Dieselpartikelfiltern und bei einigen Modellen auch SCR-Katalysatoren bewarb VW 2015 die Motoren in den USA als âclean Dieselâ und âsauberer als sauberâ, während gleichzeitig gute Verbrauchswerte erzielt wĂźrden.cite-ref-auto-77-36-0[36]cite-ref-37[37]
Tatsächlich vermochten die Motoren es nicht, niedrigen Verbrauch mit vorschriftsmäĂigen Stickoxidemissionen zu verbinden.cite-ref-opa2016-09-09-29-1[29] Diese Sackgasse hatte VW zynischerweise bereits um 1980 vorausgeahnt und als ein hohes Entwicklungsrisiko bezeichnet, weil schon damals bekannt war, dass Dieselmotoren mit Direkteinspritzung ein problematisches Abgasverhalten bezĂźglich der Stickoxide haben, das sogar noch deutlich ungĂźnstiger ausfällt als bei den frĂźheren Diesel-Pkw mit Wirbelkammereinspritzung.cite-ref-38[38]
Aufdeckung, 2012â2015
Laut eigenen Angaben warnte die Deutsche Umwelthilfe (DUH) von September 2007 (anlässlich der IAA) bis 2015 âin unzähligen Pressekonferenzen, Fachgesprächen, mit VerĂśffentlichungen, Abgastests und Aktionen vor ⌠VerstĂśĂen gegen Gesundheits- und Klimaschutz bei den Abgasemissionen und Spritverbräuchenâ.cite-ref-39[39]
Schon Mitte 2012 teilte ein Manager eines Automobilzulieferers dem damaligen EU-Kommissar Antonio Tajani mit, Autohersteller wĂźrden die Abgaswerte von Fahrzeugen in Zulassungstests elektronisch manipulieren. Dies untergrabe die BemĂźhungen der EU, den StraĂenverkehr umwelt- und klimafreundlicher zu machen. Bei einem Treffen im Juli 2012, bei dem das Thema diskutiert wurde, seien insgesamt vier Mitglieder der EU-Kommission anwesend gewesen. Daraufhin forderte Tajani die Verkehrsminister der EU-Staaten schriftlich dazu auf, die Ăberwachung der Autoindustrie zu verbessern; er wies aber nicht darauf hin, dass Abgastests manipuliert worden sein kĂśnnten.cite-ref-40[40]
Weitere Hinweise auf eine Manipulation bei Volkswagen wurden von Peter Mock, Direktor des europäischen Ablegers des International Council on Clean Transportation (ICCT), an das ICCT Ăźbermittelt. ICCT-Mitarbeiter in Berlin, darunter der ehemalige Abteilungsleiter des Umweltbundesamts Axel Friedrich, hatten 2014 hohe Abgaswerte bemerkt.cite-ref-spon-1053972-41-0[41] In den USA stellte das ICCT im Mai 2014 in Zusammenarbeit mit der West Virginia University (WVU) bei Abgasmessungen groĂe Differenzen beim StickoxidausstoĂ von Dieselfahrzeugen der VW-Gruppe fest.cite-ref-42[42] Die Fahrzeuge erfĂźllten unter Testbedingungen auf einem PrĂźfstand des California Air Resources Board (CARB) die Vorgaben der EPA. Unter realen Fahrbedingungen ermittelten Mitarbeiter der WVUcite-ref-43[43] mit einem transportablen Messsystem (PEMS) beim VW Jetta VI Stickoxidwerte 15- bis 35-fach und beim VW Passat 5- bis 20-fach Ăźber dem gesetzlichen US-Grenzwert.cite-ref-spon-1053972-41-1[41]cite-ref-icct-1405-44-0[44]
Im September 2014 verĂśffentlichte Der Spiegel Ergebnisse dieser Studie und wies mit Bezug auf den ICCT darauf hin, dass moderne Motorsteuerungen âerkennen, wenn sich das Auto auf einem RollenprĂźfstand befindet, und daraufhin in einen optimierten Testmodus schaltenâ kĂśnnencite-ref-45[45] und dass âvor allem deutsche Autokonzerne den amtlichen Benzindurstâ ihrer Fahrzeuge âschĂśnenâ wĂźrden.cite-ref-46[46] Das Handelsblatt berichtete im Oktober 2014 mit Bezug auf dieselbe Studie,cite-ref-47[47] dass âseit einem Jahrâ jeder Bescheid gewusst habe.
Volkswagen behauptete gegenßber US-BehÜrden, die festgestellten Diskrepanzen, insbesondere die der Stickoxidwerte, wßrden auf einem Softwarefehler basieren und rief im Dezember 2014 die fast 500.000 betroffenen Fahrzeuge zurßck, um eine neue Software einzuspielen. Das CARB ßberprßfte die modifizierten Fahrzeuge unter Realbedingungen und konnte keine Verbesserung bei den Stickoxidwerten feststellen.cite-ref-spon-1053972-41-2[41] Als die BehÜrden damit drohten, bei Nichtaufklärung der Diskrepanz den 2016er Modellen die Zulassung zu verweigern, gab Volkswagen am 3. September 2015 den Betrug zu.cite-ref-48[48]cite-ref-spon-1053825-49-0[49]
Der Spiegel berichtete 2015, dass mindestens 30 leitende Angestellte seit Jahren von dem illegalen Vorgehen wussten, während Volkswagen selbst dies noch 2015 leugnete.cite-ref-50[50]
Die Abgasmessung fĂźr neue Fahrzeugmodelle des VW-Konzerns in Europa oblag Stand 2015 folgenden PrĂźforganisationen:
⢠Audi-Modelle: Allied Technology Experts Enterprise of Luxembourg S.à r.l. (ATE EL), Luxemburg
⢠Volkswagen-Modelle: TĂV Nord, Deutschland
⢠Seat-Modelle: Instituto Nacional de TÊcnica Aeroespacial (INTA) und CTAG-IDIADA Safety Technology SL, beide in Spanien
⢠Škoda-Modelle: TĂV SĂźd, Deutschland und Vehicle Certification Agency (VCA), GroĂbritannien
Ermittlungsverfahren und Strafprozesse
USA
Am 18. September 2015 richtete die US-UmweltschutzbehĂśrde EPA eine Notice of Violation (sinngemäĂ: Mitteilung eines RechtsverstoĂes) an die Volkswagen Group of America, mit exakter Erläuterung der juristischen VorwĂźrfe hinsichtlich der VerstĂśĂe gegen den Clean Air Act.cite-ref-51[51] Als Folge dieses Verfahrens drohen Volkswagen Geldstrafen von bis zu 18 Mrd. US-Dollar. Laut Medienberichten haben auch das US-Justizministerium und der New Yorker Generalstaatsanwalt Eric Schneiderman Ermittlungen gegen Volkswagen eingeleitet. Schneiderman soll anstreben, mit den Generalstaatsanwälten aller Gliedstaaten der Vereinigten Staaten zusammenzuarbeiten.cite-ref-spon-1054278-52-0[52] Unterdessen kommen auf Volkswagen auch Sammelklagen privater Käufer und Autohändler in Kanada und den USA zu.cite-ref-sz-2662396-53-0[53]
Am 14. Oktober 2015 schloss sich die Federal Trade Commission (FTC) den Ermittlungen der EPA und des US-Justizministeriums an. Dabei geht es um Ermittlungen wegen irrefĂźhrender Werbekampagnen (Clean-Diesel) von Volkswagen fĂźr die betroffenen Dieselfahrzeuge.cite-ref-54[54]
Nach Ausweitungen ihrer Ermittlungen richtete die EPA am 2. November 2015 eine zweite Notice of Violation an Volkswagen.cite-ref-epa-nov-2-55-0[55] Demnach wurden Abschalteinrichtungen nunmehr auch in Dieselfahrzeugen mit Dreiliter-Motor (3.0 TDI) gefunden.cite-ref-epa-nov-2-55-1[55]cite-ref-56[56] Betroffen seien konkret der VW Touareg (Modelljahr 2014), die neuesten Audi-Modelle A6 Quattro, A7 Quattro, A8, A8L und Q5 sowie der Porsche Cayenne (Modelljahr 2015).cite-ref-57[57]cite-ref-58[58]
Die BundesbehĂśrde fĂźr StraĂen- und Fahrzeugsicherheit (NHTSA) erklärte gegenĂźber der Wirtschaftswoche, dass durch unabhängige Gutachter geprĂźft werde, ob der VW-Konzern neben dem Abgasskandal auch Sicherheitsprobleme und technische Mängel verschwiegen habe.cite-ref-59[59]
Im Rahmen eines Vergleiches im Frßhjahr 2017 bekannte sich Volkswagen als Unternehmen der VerschwÜrung zum Betrug, der Behinderung der Justiz und des Verkaufs von Waren unter falscher Angabe fßr schuldig, um damit die strafrechtlichen Ermittlungen zum Abschluss zu bringen. Volkswagen zahlt dafßr 2,8 Mrd. US-Dollar, verpflichtet sich zu stärkeren Kontrollsystemen und unterwirft sich einer dreijährigen externen Aufsicht.cite-ref-60[60]cite-ref-61[61] Darßber hinaus hat sich VW verpflichtet, mit ihrer eigens dazu gegrßndeten Firma Electrify America insgesamt 2 Mrd. US-Dollar in den Ausbau eines Ladesäulennetzwerkes zu investieren.cite-ref-62[62]
Der deutsche StaatsbĂźrger James Robert Liang wurde im Juni 2016 als erster VW-Mitarbeiter strafrechtlich angeklagt und im August 2017 wegen seiner Rolle im Skandal,cite-ref-dw250817-63-0[63] an dem er als Motorenentwickler 2006 bei VW in Wolfsburg und ab 2008 in Kalifornien mitgewirkt hatte,cite-ref-64[64] zu 3 Jahren und 4 Monaten Haft sowie einer Geldstrafe verurteilt. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass er gegenĂźber den US-AufsichtsbehĂśrden die Benutzung von Betrugssoftware in 600.000 VW-Fahrzeugen verheimlicht hatte.cite-ref-dw250817-63-1[63]
Mit Oliver Schmidt wurde im Januar 2017 ein weiterer VW-Mitarbeiter in Florida festgenommen. Insgesamt ermittelten die US-BehĂśrden gegen sechs zum Teil ehemalige VW-Mitarbeiter wegen VerschwĂśrung zum Betrug und VerstĂśĂen gegen Umweltgesetze,cite-ref-65[65]cite-ref-66[66] darunter den bereits verhafteten. Gegen die Ăźbrigen fĂźnf wurde im Juni 2017 ein internationaler Haftbefehl erlassen.cite-ref-67[67] Oliver Schmidt wurde am 6. Dezember 2017 von einem Richter in Detroit zu einer siebenjährigen Gefängnisstrafe wegen VerschwĂśrung zum Betrug und VerstoĂes gegen Umweltgesetze verurteilt. AuĂerdem muss Schmidt Geldstrafen in einer HĂśhe von 400.000 US-Dollar zahlen.cite-ref-68[68]
Ebenfalls 2017 zahlte die Robert Bosch GmbH in einem Vergleich 304 Millionen Euro an US-Zivilkläger.cite-ref-69[69]cite-ref-faz-bosch-2017-02-70-0[70]
Die Daimler AG einigte sich im August 2020 auf Vergleiche mit US-Sammelklägern sowie den -BehÜrden.cite-ref-71[71] Im darauffolgenden September gaben Daimler sowie das US-Justizministerium die HÜhe aller diesbezßglichen Vergleichszahlungen mit insgesamt 1,9 Milliarden US-Dollar an. Daimler wurde zudem verpflichtet, betroffene Autos in den USA mit Softwareupdates nachzurßsten.cite-ref-72[72]
Deutschland
Der deutsche Verkehrsminister Alexander Dobrindt forderte eine ĂberprĂźfung aller VW-Fahrzeugmodelle in Deutschland.cite-ref-spon-1053825-49-1[49]cite-ref-focus-4963631-73-0[73]
Zunächst hieà es, die Staatsanwaltschaft Braunschweig habe von Amts wegen und aufgrund mehrerer Strafanzeigen von Bßrgern ein Ermittlungsverfahren gegen den ehemaligen Vorstandschef Martin Winterkorn wegen Betrugsvorwßrfen nach § 263 StGB eingeleitet.cite-ref-74[74]cite-ref-spon-1055075-75-0[75] Wenige Tage später, am 1. Oktober 2015, wurde hingegen berichtet, dass entgegen vorherigen Meldungen kein Ermittlungsverfahren gegen Winterkorn eingeleitet worden sei und dass auch kein Anfangsverdacht gegen ihn bestehe.cite-ref-76[76] Die ursprßngliche Pressemitteilung der Staatsanwaltschaft Braunschweig vom Montag, 28. September 2015, wurde gelÜscht und durch eine neue ersetzt.cite-ref-77[77]
Am 8. Oktober 2015 fĂźhrten die Staatsanwaltschaft Braunschweig und das Landeskriminalamt Niedersachsen in Wolfsburg und anderen Orten Hausdurchsuchungen in den Geschäftsräumen von Volkswagen durch. Erklärtes Ziel der Durchsuchung war âdie Sicherstellung von Unterlagen und Datenträgern, die mit Blick auf in Betracht kommende Straftatbestände Auskunft Ăźber die genaue Vorgehensweise der an der Manipulation der Abgaswerte von Dieselfahrzeugen beteiligten Firmenmitarbeiter und deren Identität geben kĂśnnenâ.cite-ref-78[78]
Am 24. November 2015 leitete die Staatsanwaltschaft Braunschweig ein weiteres Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts auf Steuerhinterziehung gegen fĂźnf namentlich bekannte Mitarbeiter des Volkswagen-Konzerns ein. Grund hierfĂźr war die Bekanntgabe von Volkswagen, CO2- und Verbrauchswerte von Fahrzeugen manipuliert zu haben, weswegen an die Fahrzeughalter durch die falschen Angaben auch unzutreffende Kraftfahrzeug-Steuerbescheide ergangen seien.cite-ref-79[79]
Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft wurden im Juni 2016 infolge einer Strafanzeige der Bundesanstalt fßr Finanzdienstleistungsaufsicht auf den Verdacht der Marktmanipulation ausgedehnt. Der Vorwurf lautet, dass Volkswagen seiner Ad-hoc-Publizitätspflicht, kursrelevante Informationen zu verÜffentlichen, nicht rechtzeitig nachkam.cite-ref-80[80]
Am 27. Januar 2017 wurde bekannt, dass mittlerweile gegen 37 Personen ermittelt wird. Dafßr wurden 28 Hausdurchsuchungen durchgefßhrt. Die Ermittlungen erstrecken sich neben den genannten Vorwßrfen auch auf den Verdacht strafbarer Werbung (§ 16 UWG). Unter den Beschuldigten befindet sich nun auch der ehemalige Vorstandschef Martin Winterkorn.cite-ref-81[81]
In den Jahren 2019/2020 erhob die Staatsanwaltschaft Mßnchen II Anklage gegen den ehemaligen Audi-Chef Rupert Stadler sowie drei weitere ehemalige Funktionäre des Ingolstädter Autobauers. In den Verfahren sollte geklärt werden, inwieweit die ehemaligen Audi-Angestellten in die Entwicklung von Abschalteinrichtungen sowie den wissentlichen Verkauf von manipulierten Fahrzeugen involviert waren.cite-ref-82[82]cite-ref-83[83]cite-ref-84[84] Anfang April 2023 wurde das Verfahren gegen einen mitangeklagten Ingenieur vorläufig eingestellt. Abhängig war die Einstellung von der Auflage der Zahlung von 25.000 Euro. Der ehemalige Mitangeklagte hatte ein umfangreiches Geständnis abgelegt und war als Kronzeuge im Prozess aufgetreten.cite-ref-85[85] Ende April 2023 gestand der Angeklagte Wolfgang Hatz.cite-ref-86[86] Mitte Mai 2023 machte Stadler ein Geständnis und räumte Fehlverhalten ein.cite-ref-87[87] Am 27. Juni 2023 verurteilte das Landgericht Mßnchen II Stadler wegen Betrugs durch Unterlassen zu einer Bewährungsstrafe von einem Jahr und neun Monaten. Bewährungsauflage ist die Zahlung von 1,1 Millionen Euro.cite-ref-88[88]cite-ref-89[89] Der fßr die Motorenentwicklung zuständige Hatz wurde wegen Betruges zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren verurteilt, die gegen Auflage der Zahlung von 400.000 Euro zur Bewährung ausgesetzt wurde. Der Ingenieur Giovanni P. wurde ebenfalls wegen Betruges zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und neun Monaten verurteilt, die gegen Zahlung von 50.000 Euro auf Bewährung ausgesetzt wurde. Die Staatsanwaltschaft hatte einer Strafe mit Aussetzung zur Bewährung fßr Stadler und P. im Rahmen einer Verständigung bereits zugestimmt.cite-ref-90[90]cite-ref-91[91] Fßr Hatz hatte sie drei Jahre und zwei Monate Freiheitsstrafe ohne Aussetzung zur Bewährung gefordert.cite-ref-92[92] Das Landgericht ging davon aus, dass bei bestimmten Motorentypen von Audi eine unzulässige Abschalteinrichtung eingesetzt worden sei. P. und Hatz hätten die Ausgestaltung der Motorsteuerungssoftware veranlasst. Sie seien sich dabei bewusst gewesen, dass PKW unter Verstoà gegen Rechtsvorschriften der Europäischen Union ausgestattet wßrden. Auch Motoren von in die USA exportierten PKW hätten unzulässige Abschalteinrichtungen aufgewiesen. Stadler habe dies nach Kenntniserlangung nicht verhindert, obwohl er als Vorstandsvorsitzender zu einem Eingreifen verpflichtet gewesen wäre. Fßr die mit der Abschaltvorrichtung versehenen PKW setzte das Gericht einen mit 5 % vom Neupreis bezifferten Minderwert an. Deshalb ging es in Bezug auf Hatz und P. von einem verursachten Schaden von insgesamt rund 2,3 Milliarden Euro aus. Bei Stadler nahm das Gericht einen verursachten Schaden von rund 41 Millionen Euro an. Die Urteile sind noch nicht rechtskräftig.cite-ref-93[93] Alle drei Angeklagten legten Revision ein. Die Staatsanwaltschaft legte hinsichtlich des Urteils in Bezug auf Hatz Revision ein.cite-ref-94[94]
Nach mehreren Razzien im Juli 2020 verkĂźndete die Staatsanwaltschaft Frankfurt am Main im Oktober 2020, dass vermutlich rund 200.000 manipulierte Fahrzeuge von Fiat und Iveco in Deutschland zugelassen wurden â darunter auch Wohnmobile.cite-ref-95[95]
Im Herbst 2021 begann am Landgericht Braunschweig der Prozess gegen mehrere VW-Manager. Nach 175 Verhandlungstagen und einer laut Gericht âauĂerordentlich komplexen und umfangreichen Beweisaufnahmeâ wurden am 26. Mai 2025 vier frĂźhere FĂźhrungskräfte von Volkswagen wegen Betrugs schuldig gesprochen. Das Gericht verhängte gegen den frĂźheren Leiter der Motorenentwicklung eine Gefängnisstrafe von vier Jahren und sechs Monaten. Der frĂźhere Leiter der Hauptabteilung Antriebselektronik wurde zu einer Haftstrafe von zwei Jahren und sieben Monaten verurteilt. Zwei weitere Mitarbeiter erhielten Bewährungsstrafen. Die Urteile sind nicht rechtskräftig.cite-ref-faz2025-96-0[96]
Ursprßnglich sollte 2021 auch der Prozess gegen den prominentesten Beschuldigten, den frßheren VW-Chef Martin Winterkorn, beginnen. Das Verfahren gegen ihn wurde wegen gesundheitlicher Probleme abgetrennt. Am 3. September 2024 lief der Prozess gegen ihn an. Nach lediglich vier Verhandlungstagen wurde der Prozess jedoch wieder unterbrochen, da Winterkorn sich im häuslichen Umfeld verletzt haben soll. Ob der Prozess fortgesetzt wird, ist nicht bekannt.cite-ref-97[97]cite-ref-faz2025-96-1[96]
Frankreich
Am 2. Oktober 2015 wurde berichtet, dass die franzÜsische Justiz wegen des Verdachts auf Betrug gegen Volkswagen Ermittlungen eingeleitet habe. In Frankreich sind rund 950.000 Dieselfahrzeuge betroffen.cite-ref-sz-2675417-98-0[98] Deren Ergebnisbericht wurde im August 2016 vorgestellt. In der zehnmonatigen Untersuchung hatte eine unabhängige Kommission bei 86 Fahrzeugmodellen verschiedener Hersteller Abweichungen bei den Schadstoffemissionen festgestellt. Mit den Modellen Talisman und Espace war auch Renault betroffen (Motorenbaureihe K9K / Mercedes-Benz OM 607). Obwohl die Kommission ausdrßcklich zu keinem Urteil ßber die Verwendung von Abschalteinrichtungen kam, kßndigte Umweltministerin SÊgolène Royal an, Transparenz und Verantwortung von den Autoherstellern einzufordern.cite-ref-99[99]cite-ref-100[100]
Im Auftrag der Staatsanwaltschaft von Paris haben Gendarmen des Office central de lutte contre les atteintes Ă lâenvironnement et Ă la santĂŠ publique (Oclaesp) der Gendarmerie nationale am 16. Oktober 2015 den Sitz von Volkswagen France in Villers-CotterĂŞts sowie BĂźros in Roissy-en-France durchsucht.cite-ref-101[101]cite-ref-102[102]
Im September 2017 berichtet Le Monde,cite-ref-103[103] der Groupe PSA (CitroĂŤn, DS, Opel, Peugeot und Vauxhall) drohe eine Strafe von bis zu 5 Milliarden Euro.cite-ref-104[104] Am 8. September 2017 bestritt PSA die VorwĂźrfe.cite-ref-105[105]
Italien
Am 15. Oktober 2015 durchsuchten die Staatsanwaltschaft Verona und die Guardia di Finanza den Sitz der Volkswagen Group Italia S.p.A. in Verona und der VW-Konzerntochter Lamborghini in SantâAgata Bolognese wegen des Verdachts auf Handelsbetrug. Die Ermittlungen richten sich auch gegen den VW-Manager Massimo Nordio und gegen Luca De Meo, Vorstandsmitglied der Audi AG und verantwortlich fĂźr den Geschäftsbereich Vertrieb und Marketing.cite-ref-106[106]
Spanien
Der Audiencia Nacional de EspaĂąa (nationale Staatsgerichtshof) mit Sitz in Madrid hat am 28. Oktober 2015 durch den Richter Ismael Moreno ein Ermittlungsverfahren wegen Betrug durch irrefĂźhrende Werbung, Subventionsbetrug und Verbrechen gegen die Umwelt gegen den Volkswagen-Konzern eingeleitet. Bis zum 10. November 2015[veraltet] soll der VW-Konzern einen Vertreter nennen, gegenĂźber dem die Anschuldigungen vorgebracht werden kĂśnnten.cite-ref-107[107]
Belgien
Die Staatsanwaltschaft Brßssel (Parquet de Bruxelles) ermittelt seit dem 4. November 2015 gegen den Volkswagen-Konzern wegen Urkundenfälschung. Das flämische Umweltministerium sieht sich als Geschädigte in dem Abgasskandal an.cite-ref-108[108]
Art der Manipulation
Unabhängig vom Motortyp wurden von mehreren Herstellern, u. a. VW und Peugeot, viele nichttechnische MaĂnahmen an Fahrzeugen auf den PrĂźfständen getroffen, die zu Abweichungen zwischen den Verbräuchen im PrĂźf- und Realbetrieb fĂźhren. Die PrĂźffahrzeuge besaĂen z. B. eine vollständig geladene Batterie, einen halb abgefahrenen Reifensatz, keine Extraausstattung und meist keine Klimaanlage. All diese MaĂnahmen waren im Rahmen des damaligen Testregimes legal. Im Oktober 2016 kĂźndigte Volkswagen an, zukĂźnftig darauf zu verzichten, âmĂśgliche Toleranzen weiter extensiv zu nutzenâ. Der Verzicht fĂźhrt zu einem Anstieg der kilometerbezogenen CO2-Emissionen von bis zu 2 g. Kritiker relativierten die Wirksamkeit des Verzichts, da ab 2017 ein neues Testverfahren gelte, das solche MaĂnahmen verbietet.cite-ref-109[109]
Bei Dieselfahrzeugen
Laut VerĂśffentlichung der EPA erkannte die von VW installierte Software, die fĂźr die Abgaskontrollanlage zuständig war, die PrĂźfungssituation. Die Software erkannte die standardisierten Testsituationen durch ein âunnatĂźrliches Fahrverhaltenâ (hohe Raddrehzahlen ohne Bewegung des Fahrzeugs). Bei diesen Bedingungen war die Abgasaufbereitung so optimiert, dass mĂśglichst wenig Stickoxide (NOx) entstanden. Im normalen Fahrbetrieb wurden dagegen Teile der Abgaskontrollanlage auĂer Betrieb gesetzt, weshalb die NOx-Emissionen dann erheblich hĂśher waren.cite-ref-faz-13815461-110-0[110]
Am 27. September 2015 berichtete Bild am Sonntag, der Automobilzulieferer Bosch habe die umstrittene Software âzu Testzweckenâ an VW geliefert, im Jahr 2007 allerdings auch klar mitgeteilt, dass der Einsatz der Software gesetzeswidrig sei.cite-ref-113[113]
⢠Beim Passat sollte mit der Software des Steuergerätes âElectronic Diesel Control 17â des Zulieferers Bosch der Verbrauch an HarnstofflĂśsung (AdBlue, in den USA mit der Bezeichnung Diesel Exhaust Fluid (DEF) oder generell AUS 32) fĂźr die Abgasnachbehandlung SCRT in den Bluetec-TDI-Motoren verändert werden.cite-ref-114[114]cite-ref-sz-2657688-115-0[115]cite-ref-116[116] In einem Vortrag auf dem 32C3 präsentierte der Hacker Felix Domke eine Analyse der von VW auf einem Bosch-Steuergerät des Typs EDC17C46 installierten Firmware. In den A2L-Dateien war die Abschalteinrichtung mit âUntere Kilometerschwelle fĂźr Deaktivierung der Akustikfunktionâ kommentiert.cite-ref-golem-schummelsoftware-analysiert-117-0[117] Die Firmware wertet dabei unter anderem aus, ob sich die gefahrene Strecke je Zeit in einem engen Intervall um die vom PrĂźfzyklus vorgegebenen Werte bewegt. Sobald dieses Intervall verlassen wird, schaltet die Software in einen alternativen Modus mit deutlich reduziertem AdBlue-Verbrauch.
⢠Beim US-Modell Jetta wurde dagegen ein NOx-Speicherkatalysator verwendet, bei dem sich die Stickoxide auf der Oberfläche ablagern. Der Speicherkat kann NOx nur in einem Temperaturbereich von 250 bis 500 °C speichern. Ist der Katalysator vollständig belegt, wird er während des Fahrbetriebs mittels Kohlenstoffmonoxid und Kohlenwasserstoffen als Reduktionsstoff regeneriert. Da diese Stoffe normalerweise im Abgas von Dieselmotoren nicht oder in nur sehr geringen Mengen vorkommen, mßssen sie kßnstlich durch eine unvollständige Verbrennung erzeugt werden, was man durch Luftmangel (i. d. R. durch Mehreinspritzung von Dieselkraftstoff in den Brennraum) umsetzt.cite-ref-118[118] Im Fall der manipulierten Fahrzeuge fand diese Regeneration im Fahrbetrieb nur teilweise oder gar nicht statt.cite-ref-spon-1054241-119-0[119]
⢠Bei der CO2-Zertifizierung von Dieselfahrzeugen wurde vor allem ab dem Baujahr 2012 zu niedrige CO2- und damit auch Verbrauchsangaben festgelegt, wie 2015 bekannt wurde. Betroffen sind unter anderem die Typen VW Golf, VW Polo, VW Passat, Audi A1, Audi A3, Škoda Octavia, Seat Leon und Seat Ibiza.cite-ref-120[120] Auch sei vor Prßfstandmessungen Dieselkraftstoff ins MotorÜl gemischt worden, damit der Motor bei der Messung weniger Kraftstoff verbrauchte.cite-ref-121[121]
Manipulation bei Fahrzeugen mit Ottomotoren
Von der technischen Manipulation der Ermittlung der Kohlenstoffdioxidwerte sind laut Aussagen von VW vom Anfang November 2015 auch Modelle mit dem Ottomotor 1,4 TSI ACT betroffen, der mit Zylinderabschaltung ausgestattet ist. Dies betrifft rund 98.000 Fahrzeugecite-ref-123[123] in Deutschland (50.000 in Spanien). Nach Informationen der Bild am Sonntag unter Berufung auf das Geständnis eines Ingenieurs der Abteilung Forschung und Entwicklung des VW-Konzerns in Wolfsburg habe er seinem Vorgesetzten Ăźber den Betrug mit geschĂśnten Verbrauchs- und CO2-Angaben von Volkswagen-Modellen der Modelljahre 2013 bis FrĂźhjahr 2015 berichtet. Der Konzernrevision lägen zudem Geständnisse weiterer Mitarbeiter vor. Danach sollen mit unerlaubten MaĂnahmen die Abgaswerte bei den Testfahrzeugen manipuliert worden sein, u. a. durch die Nutzung eines Reifendrucks von mehr als 3,5 bar, hĂśher als erlaubt, damit das Fahrzeug leichter läuft.cite-ref-124[124] Am 13. November 2015 wurde bekannt, dass insgesamt 24 Modelle des Modelljahrs 2016 mit Ottomotoren (TSI) betroffen sind: Darunter die 1,0-Liter-Ottomotoren mit 70 kw im Seat Ibiza und VW Polo sowie mit 85 kW im Seat Leon und der 1,4-Liter-Ottomotor im VW Jetta.cite-ref-125[125]
Ein im August 2020 verĂśffentlichtes Gerichtsgutachten legt ebenfalls nahe, dass auch Benziner aus dem Volkswagen-Konzern von dem Abgasskandal betroffen sein kĂśnnten.cite-ref-126[126] Demnach wurde in einem Audi Q5 TFSI 2.0 aus dem Jahr 2015 eine Zykluserkennung gefunden, die die Abgaswerte des Fahrzeuges manipuliert. Das Gutachten wurde im Rahmen einer Klage vor dem Landgericht Offenburg durchgefĂźhrt.
Auch Porsche-Fahrzeuge mit Ottomotor wurden mÜglicherweise illegal manipuliert.cite-ref-127[127] Der Sportwagenhersteller selbst hat bei internen Prßfungen festgestellt, dass die Motoren sowie die Motorensoftware mehrerer benzinbetriebener Porsche-Modelle nach der Zulassung durch das Kraftfahrt-Bundesamt verändert worden seien. Diese Informationen hat Porsche mit der Staatsanwaltschaft Stuttgart sowie den BehÜrden in Deutschland und den USA geteilt. Das deutsche Kraftfahrt-Bundesamt hat im Sommer 2020 Ermittlungen in der Sache aufgenommen.
Betroffene Fahrzeuge
Betroffen sind Fahrzeuge mit einem Dieselmotor des Typs VW EA189. Weltweit sind dies 11 Millionen Fahrzeuge der Marken Volkswagen, Audi, Seat und Škoda.cite-ref-128[128]cite-ref-129[129] VW-Manager und ein US-Ermittler gaben gegenßber der Nachrichtenagentur Reuters an, es seien insgesamt vier Motorentypen betroffen, darunter auch der EA189-Nachfolger VW EA288.cite-ref-reuters-288-130-0[130]cite-ref-131[131] Zuvor von der Volkswagen AG bestritten,cite-ref-vwag-ea189-kba-132-0[132] gab ein Unternehmenssprecher am 22. Oktober 2015 zu, dass in den USA auch der EA288 betroffen sei.cite-ref-spon-ea288-1-133-0[133] Nach einem Urteil des Landgerichts Duisburg aus dem Jahr 2018 ist auch die europäische Euro-6-Version des EA288 mit einer Software versehen, die erkennt, dass sich das Fahrzeug auf einem Prßfstand befindet. Mit Hilfe der Prßfstandserkennung seien Schadstoffwerte suggeriert worden, die im alltäglichen Betrieb tatsächlich nicht erreichbar waren. Während der Volkswagenkonzern argumentierte, dass die Prßfstandserkennung legal sei, da fßr das streitgegenständliche Fahrzeug (Golf VII 2.0 TDI) keine Emissionsgrenzwerte fßr den realen Fahrbetrieb existieren, urteilten die Richter, dass Volkswagen durch den Einsatz der Prßfstandserkennung vorsätzlich und sittenwidrig gehandelt habe.cite-ref-tagesschau-de-1-1[1] Im Rahmen der Berichterstattung des Üffentlich-rechtlichen Fernsehmagazins Report Mainz bestätigte ein Unternehmenssprecher von Volkswagen den Einbau von Abschalteinrichtungen in EA 288-Motoren im Dezember 2020 erneut.cite-ref-134[134] Die Euro-5-Versionen des EA288 sollen hingegen keine unzulässige Abschalteinrichtung enthalten.cite-ref-sz-ea288-135-0[135]
Im Jahr 2017 entdeckte das Kraftfahrt-Bundesamt zudem verbotene Abschalteinrichtungen im Sechszylinder Euro-6 3,0-Liter-TDI-Motor (VW EA897), der u. a. im Porsche Cayenne, VW Touareg sowie diversen Audi-Modellen verwendet wurde.cite-ref-sueddeutsche-3788628-136-0[136]
| Land | Volkswagen | Audi | Ĺ koda | Seat | Mercedes [ 139 ] [ 140 ] [ 141 ] [ 142 ] [ 143 ] [ 144 ] | Nutzfahrzeuge | Gesamt [ 145 ] [ 146 ] |
|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Deutschland Deutschland [ 147 ] | 1.537.896 (mit VW-Nutzfahrzeuge) | 531.813 | 286.970 | 104.197 | min. 437.000 | s. u. VW | 2.460.876 |
| Vereinigtes Konigreich Vereinigtes KĂśnigreich [ 148 ] | 508.276 | 393.450 | 131.569 | 76.733 | | 79.838 | 1.189.866 |
| Frankreich Frankreich [ 149 ] | 574.259 | 189.322 | 66.572 | 93.388 | | 24.523 | 948.064 |
| Italien Italien [ 150 ] | 385.694 | 231.729 | 35.343 | 39.598 | | 17.348 | 709.712 |
| Spanien Spanien [ 151 ] | 257.479 | 147.095 | 37.082 | 221.783 | | 20.187 | 683.626 |
| Vereinigte Staaten Vereinigte Staaten | 482.000 | 13.000 | | | | | 495.000 |
| Belgien Belgien [ 152 ] | 197.328 | 121.712 | 51.069 | 23.539 | | | 393.648 |
| Osterreich Ăsterreich [ 153 ] | 180.500 | 72.500 | 54.300 | 31.700 | | 24.400 | 363.000 |
| Schweden Schweden | 104.000 | 57.000 | 28.000 | 2.000 | | 33.000 | 225.000 |
| Indien Indien | | | | | | | 180.000 |
| Niederlande Niederlande [ 154 ] | | | | | | | 160.000 |
| Tschechien Tschechien [ 155 ] | 38.000 | 7.000 | 101.000 | 1.800 | | | 147.800 |
| Norwegen Norwegen [ 156 ] | 77.580 | 27.649 | 19.947 | 0 | | 21.963 | 147.139 |
| Polen Polen [ 157 ] | 66.870 | 12.049 | 58.890 | 3.694 | | | 141.503 |
| Schweiz Schweiz [ 158 ] | | | | | | | rund 180.000 |
| Korea Sud SĂźdkorea [ 159 ] | | | | | | | 125.522 |
| Portugal Portugal [ 160 ] | 102.140 (mit Audi, Ĺ koda) | | | 15.000 | | | 117.000 |
| Irland Irland [ 161 ] [ 162 ] | 47.316 | 29.169 | 16.004 | 5.039 | | 9.224 | 106.752 |
| Rumänien Rumänien [ 163 ] | | | | | | | 105.000 |
| Kanada Kanada [ 164 ] | | | | | | | 100.000 |
| Australien Australien [ 165 ] | 61.189 | 16.085 | 5.148 | 0 | | 17.256 | 99.678 |
| Danemark Dänemark | | | | | | | 91.000 |
| Finnland Finnland | | | | | | | 50.000 |
| Slowakei Slowakei | 14.809 | 3.278 | 26.000 | 2.577 | | | 46.664 |
| Argentinien Argentinien [ 166 ] | | | | | | | 42.716 |
| Ungarn Ungarn | | | | | | | 40.095 |
| Mexiko Mexiko | | | | | | | 32.000 |
| Taiwan Taiwan [ 167 ] | | | | | | | 17.744 |
| Brasilien Brasilien [ 168 ] | | | | | | 17.057 | 17.057 |
| Griechenland Griechenland [ 169 ] | 6.362 | 1.875 | 0 | 0 | | 882 | 9.119 |
| Neuseeland Neuseeland [ 170 ] | 4.639 | 1.600 | 1.328 | 0 | | 133 | 7.700 |
| China Volksrepublik Volksrepublik China | | | | | | | 1.950 |
| Zypern Republik Zypern [ 171 ] | 480 | 598 | 103 | 119 | | 49 | 1.349 |
| Weltweit | 5.000.000 | 2.100.000 | 1.200.000 | 700.000 | min. 1.289.000 | 1.800.000 | 10.800.000 |
| Land | Gesamt |
|---|---|
| Deutschland Deutschland | 98.000 |
| Spanien Spanien | 50.000 [ 172 ] |
| Weltweit | unbekannt |
RĂźckrufe
| Motortyp | Zustimmung durch das KBA | Beabsichtigter Beginn des RĂźckrufs |
|---|---|---|
| EA189 2,0 Liter | Januar/Februar 2016 | 1. März 2016 |
| EA189 1,2 Liter | April/Mai 2016 | 1. Juni 2016 |
| EA189 1,6 Liter | JuliâSeptember 2016 | 1. Oktober 2016 |
Asien
Die chinesische AufsichtsbehĂśrde General Administration of Quality Supervision, Inspection and Quarantine (AQSIQ) kĂźndigte einen RĂźckruf von Volkswagen Ăźber 1500 importierte Dieselfahrzeuge, darunter Ăźberwiegend des Modells Tiguan an.cite-ref-173[173]
Europa
In der EU wurde der EA189-Motor mit 1,2, 1,6 und 2,0 Litern Hubraum in den Jahren 2008 bis 2015 verwendet. Betroffen sind folgende Baureihen:cite-ref-174[174]cite-ref-175[175]cite-ref-176[176]
Deutschland
Der ADAC testete im Lauf der Jahre insgesamt 79 verschiedene Dieselfahrzeuge nach den kßnftigen Messverfahren der Vereinten Nationen (WLTP) und stellte im Vergleich zum aktuellen europäischen Fahrzyklus (NEFZ) nach Euro 6 (80 mg/km NOx) Abweichungen zwischen dem Zwei- und dem Fßnfzehnfachen bei NOx fest.cite-ref-179[179]cite-ref-180[180]
Eine Untersuchung der Landesanstalt fĂźr Umwelt, Messungen und Naturschutz Baden-WĂźrttemberg (LUBW), durchgefĂźhrt im Jahr 2014, legt Abweichungen ebenso bei anderen Herstellern nahe. Keines der getesteten Fahrzeuge dreier Hersteller konnte auĂerhalb des Teststands die Euro-6-Grenzwerte einhalten.cite-ref-181[181] Ausweislich des PrĂźfberichtscite-ref-182[182] handelte es sich hierbei um folgende Fahrzeugmodelle:
⢠BMW F30 320d
Ein Bericht der Auto Bild Ăźber den NOx-AusstoĂ des BMW X3 xDrive20d wurde von vielen Medien missverstanden. Dieser Bericht besagte, das Fahrzeug habe bei StraĂentests des ICCT die europäische Abgasnorm Euro 6 massiv Ăźberschritten.cite-ref-faz-13821114-183-0[183] Auto Bild betonte in einer späteren Klarstellung, man habe BMW zu keinem Zeitpunkt eine Manipulationsabsicht, beispielsweise durch eine Abschalt-Software, unterstellt.cite-ref-184[184] Dennoch fiel der Aktienkurs der BMW AG zeitweise um mehr als 8 %.cite-ref-185[185]
Im Juni 2015 rief Daimler 11.000 Mercedes-Sprinter in Deutschland fĂźr eine Software-Aktualisierung in die Werkstatt, weil man bei den Fahrzeugen âdie abgasrelevanten Steuergeräte mit einer optimierten Software versehenâ mĂźsse.cite-ref-was-20150927-142-1[142]cite-ref-spon-1054913-143-1[143] Dies wurde anfangs mit dem Abgasskandal in Verbindung gebracht,cite-ref-welt-146898171-186-0[186] jedoch betonte ein Konzernsprecher, dass kein Zusammenhang bestehe und keine Software zur Manipulation von Abgaswerten eingesetzt werde.cite-ref-was-20150927-142-2[142] Stattdessen sei ein Fehler aufgetreten, durch den die PrĂźfgeräte von TĂV und Dekra nicht mit den Systemen der Fahrzeuge kommunizieren kĂśnnen.cite-ref-was-20150927-142-3[142]
Am 27. September 2015 wurde bekannt, dass Volkswagen eine RĂźckrufaktion fĂźr alle betroffenen Modelle in Deutschland plant; dabei sollen die illegalen Funktionen aus der Steuersoftware entfernt werden.cite-ref-spon-1054964-187-0[187]
Seit dem 2. Oktober 2015 richtete der Volkswagen-Konzern fßr seine Automarken Volkswagen und Audi in Deutschland eine im Internet zur Verfßgung stehende Informationsplattform ein, unter der sich nach Angabe der Fahrzeug-Identifizierungsnummer Auskunft erhalten lässt, ob ein Fahrzeug von der Manipulation betroffen ist.cite-ref-188[188]cite-ref-189[189] Škoda stellt seit dem 5. Oktober 2015 ebenfalls eine Informationsplattform zur Verfßgung;cite-ref-190[190] Seat folgte am 6. Oktober.cite-ref-191[191]
Am 8. Oktober 2015 wurde bekannt, dass eine technische LĂśsung fĂźr die Modelle mit 1,6-Liter-Motor nicht vor September 2016 zu erwarten sei, so ein Zeit- und MaĂnahmenplan des Volkswagen-Konzerns fĂźr das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA).cite-ref-192[192] Am 22. Oktober erklärte ein VW-Sprecher, dass ein Softwareupdate bei diesen Motoren nicht ausreiche und Motortechnik angepasst werden mĂźsse. Dies betreffe drei Millionen Fahrzeuge.cite-ref-193[193] Nach Informationen der Nachrichtenagentur dpa erwägt VW daher, stattdessen eine Umtauschprämie fĂźr diese Modelle beim Kauf von Neuwagen anzubieten.cite-ref-194[194]
Das Kraftfahrt-Bundesamt teilte am 15. Oktober 2015 mit, dass es sich um eine âunzulässige Abschalteinrichtungâ handle und ordnete den verpflichtenden RĂźckruf von 2,4 Millionen Dieselfahrzeugen an, âum einen regel- und zulassungskonformen Zustand der betreffenden Fahrzeuge herzustellenâ.cite-ref-195[195]cite-ref-196[196] Der Volkswagen-Konzern begrĂźĂte die Entscheidung des KBA, da damit alle Fahrzeuge vorerst uneingeschränkt genutzt werden kĂśnnten. Ab Januar 2016 solle die fĂźr den Kunden kostenlose Nachbesserung der Fahrzeuge beginnen.cite-ref-vwag-ea189-kba-132-1[132]
Eine Anfrage der Deutschen Presse-Agentur bei Innenministerien und BehÜrden der Bundesländer ergab, dass durch den Abgasskandal in zehn Bundesländern rund 8.000 Polizeifahrzeuge (Einsatzfahrzeuge und Zivilfahrzeuge) betroffen sind, darunter in Nordrhein-Westfalen 2.100 und in Niedersachsen 1.100 Dieselfahrzeuge.cite-ref-197[197]
Am 11. November 2015 gab das Kraftfahrt-Bundesamt bekannt, ausgelĂśst durch die Manipulation der Schadstoffemissionswerte durch den Volkswagen-Konzern mittels unzulässiger Abschalteinrichtungen, ob im Markt mĂśglicherweise weitere Manipulationen des SchadstoffausstoĂes, insbesondere bei Stickoxiden (NOx), stattfinden. NachgeprĂźft werden Fahrzeuge des VW-Konzerns und anderer marktbestimmender Hersteller. Die Auswahl der Fahrzeugmodelle (Motorkonzepte) erfolgte auf Basis der Zulassungsstatistik in Deutschland wie auch mit Bezug auf verifizierte Hinweise Dritter Ăźber auffällige Schadstoffemissionen. Die Untersuchungen umfassen mehr als 50 unterschiedliche Fahrzeuge in- und ausländischer Hersteller mit verschiedenen Dieselmotoren, deren SchadstoffausstoĂ sowohl auf dem RollenprĂźfstand als auch durch portable Emissionsmesssysteme (PEMS) auf der StraĂe gemessen wird. Etwa zwei Drittel der Messungen wurden bereits durchgefĂźhrt. Auf Basis von Rohdaten wurden bisher zum Teil erhĂśhte Stickoxidwerte bei unterschiedlichen Fahr- und Umgebungsbedingungen festgestellt. In Gesprächen mit betroffenen Herstellern und GenehmigungsbehĂśrden werden diese Daten weiter evaluiert. Erst danach liegen rechtlich belastbare Ergebnisse vor.cite-ref-198[198]
Im Dezember 2015 lieĂ die Deutsche Umwelthilfe (DUH) einen BMW 320d, einen Mercedes C200 CDI und einen VW Passat 2.0 TDI auf dem PrĂźfstand und auf der StraĂe unter Realbedingungen durchmessen. Bei allen Fahrzeugen wurden Abweichungen zwischen den NOx-Emissionen auf dem RollenprĂźfstand und den StraĂenmessungen festgestellt.cite-ref-pm-duh-199-0[199]cite-ref-200[200]cite-ref-201[201] Vor VerĂśffentlichung der Messergebnisse erhielt die DUH Schreiben von Anwälten der betroffenen Autohersteller mit der Absicht, die VerĂśffentlichung zu verhindern. Ein taz-Journalist berichtete, bei der Pressekonferenz zur Vorstellung der Ergebnisse seien etwa 10 der 20 Anwesenden Vertreter der Autohersteller gewesen; diese hätten die Anwesenheitslisten abfotografiert.cite-ref-202[202] Anfang Januar 2016 rĂźgte der GrĂźnen-Bundestagsabgeordnete Oliver Krischer die beiden Konzerne Daimler und BMW fĂźr die Drohbriefe und das Verhalten.cite-ref-203[203] Krischer sitzt im Bundestags-Untersuchungsausschuss zum VW-Abgasskandal.
Am 2. Juni 2017 gab Bundesverkehrsminister Dobrindt bekannt, dass Audi auch die Modelle A7 und A8 aus den Jahren 2009 bis 2013 mit einer illegalen Abschalteinrichtung versehen hat und deshalb ein RĂźckruf der Fahrzeuge erfolgen muss. Audi hat bis zum 12. Juni 2017 Zeit, einen MaĂnahmenplan vorzulegen.cite-ref-204[204]
Wikipedia:WikiProjekt Ereignisse/Vergangenheit/fehlend
Am 27. Juli 2017 verhängte Dobrindt ein Zulassungsverbot fßr den Porsche Cayenne mit 3,0-Liter-TDI-Motor, der von der VW-Konzerntochter Audi gefertigt und beigestellt wurde. Gleichzeitig ordnete er fßr europaweit 22.000 Fahrzeuge einen Pflichtrßckruf an.cite-ref-205[205] Im Dezember 2017 wurden zudem 57.600 Fahrzeuge des Typs VW Touareg zurßckgerufen, in deren 3,0-Liter-TDI-Motor zwei verbotene Abschalteinrichtungen nachgewiesen wurden.cite-ref-sueddeutsche-3788628-136-1[136]
Audi muss fast 130.000 weitere Fahrzeuge der Abgasnorm 6 umrßsten: Das Kraftfahrt-Bundesamt hat im Januar 2018 fßr V6-Diesel einen Zwangsrßckruf verhängt. Betroffen sind die Audi-Modelle A4, A5, A6, A7, A8, Q5, SQ5 und Q7 mit der Abgasnorm 6.cite-ref-206[206]
Auffällige Messungen durch die DUH im FrĂźhjahr 2017, bei denen ein BMW 750d xDrive rund das Achtfache der zulässigen Menge an Stickoxiden ausgestoĂen hatte, fĂźhrten zu einem amtlichen RĂźckruf des KBA fĂźr mehrere Modelle mit N57-Motoren, so auch fĂźr Exemplare des BMW M550d xDrive. Die âvorhandenen unzulässigen Abschalteinrichtungenâ in der Motorsteuerung sind durch eine Softwareaktualisierung zu entfernen.cite-ref-207[207]
Laut einem Durchsuchungsbeschluss des Amtsgerichts Stuttgart vom Juli 2017 wurden in ßber eine Million von 2008 bis 2016 verkaufte Mercedes-Fahrzeuge mit den Motoren OM 642 und OM 651 unzulässige Abschalteinrichtungen eingebaut.cite-ref-208[208] Das KBA ordnete im Mai 2018 zudem den Rßckruf von 6300 Exemplaren des Typs Vito an.cite-ref-209[209]
mercedes-abgasskandalIm Juni 2018 wurde bekannt, dass das Kraftfahrt-Bundesamt bei Daimler insgesamt fĂźnf mutmaĂlich illegale Abschalteinrichtungen entdeckt habe. Betroffen seien ca. eine Million Fahrzeuge, der GroĂteil davon Euro-6-Diesel.cite-ref-210[210] Parallel wurde bekannt, dass Daimler in diesem Zusammenhang dem zuständigen Minister Andreas Scheuer angeboten habe, mehrere Automodelle mit zehntausenden Fahrzeugen zurĂźckzurufen und mit legaler Software auszustatten. Darunter befinden sich laut Spiegel Online auch Modelle, gegen die das Kraftfahrt-Bundesamt zuvor noch nicht ermittelt hatte, weil sie noch nicht getestet worden seien, während andere Modelle fehlten, von denen das Bundesamt sehr stark davon ausgeht, dass sie illegale Abschaltsoftware nutzen. Gleichzeitig habe Daimler laut Spiegel Online erklärt, man âwolle die RĂźckrufe beim Vito und den anderen gemeldeten Modellen nur akzeptieren [âŚ], wenn im Gegenzug das KBA das Unternehmen nicht weiter mit PrĂźfungen behelligt.â Dies wird als Forderung einer Art âAmnestieâ fĂźr Daimler interpretiert.cite-ref-211[211] Nach einem Treffen mit Daimler-Vorstand Dieter Zetsche teilte Verkehrsminister Scheuer Mitte Juni 2018 mit, dass Daimler ca. 774.000 Fahrzeuge zurĂźckrufen muss, davon rund 238.000 in Deutschland. Hierbei handelt es sich um Dieselfahrzeuge des Mercedes GLS, Mercedes GLE, der C-Klasse Hybrid, M-Klasse, G-Klasse, S-Klasse, E-Klasse, V-Klasse, Sprinter, des Vito, der CLS-Modelle und SUV-GLC Modelle.cite-ref-212[212]cite-ref-spiegelonline-2018-08-18-213-0[213] Daimler erklärte, sie wĂźrden den RĂźckruf umsetzen, gleichzeitig aber gegen die Entscheidung klagen. Eine Strafe fĂźr Daimler wurde nicht verhängt.cite-ref-214[214] Als MaĂnahme, die mit dem geplanten RĂźckruf von 238.000 Fahrzeugen in Verbindung gebracht werden kĂśnnte, untersagte Daimler am 22. Juni 2018 seinen Händlern schriftlich, Dieselfahrzeuge mit der Abgasnorm Euro 6b Ăźberhaupt auszuliefern. Betroffen seien einige hundert Fahrzeuge der Baureihen 177, 246 und 205 mit Vierzylindermotoren, in denen der Autobauer zuerst die Software aktualisieren will, bevor die Fahrzeuge an die Kunden gehen.cite-ref-spiegelonline-2018-08-18-213-1[213]cite-ref-215[215]
Im Oktober 2018 wurden Standorte von Opel durch die Staatsanwaltschaft durchsucht und Daten gesichert, da in mehreren Modellen eine illegale Abschaltvorrichtung vermutet wird. Ermittelt wird wegen eines Anfangsverdachtes von Betrug. Insgesamt sollen fßnf verschiedene Abschaltvorrichtungen gefunden worden sein. Die Umrßstung der Fahrzeuge soll Opel immer weiter verschleppt haben. Zugleich wurde bekannt, dass das Kraftfahrt-Bundesamtes wegen dieser Vorgänge etwa 100.000 Fahrzeuge zurßckrufen und umrßsten lassen will.cite-ref-216[216] Die 3. Kammer des Schleswig-Holsteinischen Verwaltungsgerichts hat am 9. November 2018 einen Eilantrag von Opel gegen einen Zwangsrßckruf der betroffenen Modelle abgelehnt.cite-ref-217[217] Der 5. Senat des Schleswig-Holsteinischen Oberverwaltungsgerichts hat am 6. November 2019 die Verpflichtung von Opel unanfechtbar bestätigt, dass die Diesel-Fahrzeuge Opel Zafira 1.6 und 2.0 CDTi, Opel Cascada 2.0 CDTi und Opel Insignia 2.0 CDTi aus den Jahren 2013 bis 2016 umgehend zurßckzurufen sind.cite-ref-218[218]
Im April 2019 wurde bekannt, dass bei rund 60.000 Mercedes-Benz-Modellen GLK 220 CDI mit dem Motor OM 651, die zwischen 2012 und 2015 produziert worden waren, der gesetzliche Grenzwert fßr Stickoxide deutlich ßberschritten wird. Es besteht der Verdacht einer unzulässigen Abschaltvorrichtung.cite-ref-219[219]
Der gesetzliche NOx-Grenzwert fĂźr Diesel-Pkw Euro 5 liegt bei 180 mg NOx/km. Die mit einem EA897-Motor ausgerĂźsteten Porsche Panamera wiesen laut DUH mit einem NOx-AusstoĂ von durchschnittlich 1.498 mg/km eine 8,3-fache GrenzwertĂźberschreitung auf. Die Messungen erfolgten laut DUH-Angaben bei AuĂentemperaturen zwischen +10 und +14 Grad Celsius. Zwei Porsche Cayenne mit dem Motor EA897evo (Euro 6) sollen den geltenden Grenzwert von 80 mg/km NOx im Normalmodus um das 3,6- bzw. 4,2-Fache Ăźberschritten haben. Die Ăberschreitung des Cayenne im Normalmodus potenziere sich laut DUH im Sportmodus bei gleicher Fahrweise um das Zweifache. Auch das vom Kraftfahrt-Bundesamt angeordnete Software-Update verhindere nicht die GrenzwertĂźberschreitung. Ein getesteter Porsche Cayenne, Abgasnorm Euro 6, Ăźberschreite bei +10 bis +16 Grad Celsius mit durchschnittlich 191 mg NOx/km nach dem Software-Update den Grenzwert um das 2,4-Fache. Ferner ist das Fahrzeug mit einem KohlenstoffdioxidausstoĂ von 179 g CO2/km zugelassen, im Realbetrieb auf der StraĂe liege der AusstoĂ laut DUH jedoch bei durchschnittlich 241 g CO2/km. Neben dem bereits von der DUH in 2017 untersuchten Diesel-Pkw Audi A8 4.2 TDI mit Abgasnorm Euro 6, bei dem nach eigenen Angaben durchschnittlich 1.422 mg NOx/km gemessen wurde, zeigten auch weitere neue Messungen an Audi-Modellen hohe NOx-GrenzwertĂźberschreitungen. Ein untersuchter Audi SQ5 plus 3.0 TDI mit Abgasnorm Euro 6 emittiere, mit gleicher Motorgeneration (EA897evo) wie der Porsche Cayenne, durchschnittlich 441 mg NOx/km bei AuĂentemperaturen zwischen +4 und +11 Grad Celsius. Die Messungen fĂźhrte die DUH laut Pressemitteilung im StraĂenverkehr mittels PEMS durch.
AngestoĂen durch die Messungen forderte die DUH die Hersteller auf, zu jedem Dieselfahrzeug eine vollständige Ăbersicht Ăźber alle verbauten Abschalteinrichtungen zu verĂśffentlichen und sich zu verpflichten, allen betroffenen Diesel-Käufern durch eine fĂźr sie kostenfreie Reparatur der Diesel-Abgasreinigung zu einem rechtskonformen Fahrzeug zu verhelfen â oder ihnen den vollen Kaufpreis zu erstatten. Der Umwelt- und Verbraucherschutzverband kĂźndigte zudem an, die Untersuchungsergebnisse den StrafverfolgungsbehĂśrden, der Europäischen KartellbehĂśrde und allen betroffenen Haltern und ihren Klageanwälten zur VerfĂźgung zu stellen. Gleichzeitig erneuerte die DUH ihre Kritik gegenĂźber dem Kraftfahrt-Bundesamt und gegenĂźber Andreas Scheuer, der laut JĂźrgen Resch zum einen Dokumente zu den festgestellten Abschalteinrichtungen in den Fahrzeugen, trotz rechtskräftiger Verurteilungen zur Offenlegung, zurĂźckhalte und zum Zweiten amtlich angeordnete Hardware-NachrĂźstungen verhindere.
Ăsterreich
Der damalige Üsterreichische Bundesminister fßr Verkehr, Innovation und Technologie, Alois StÜger, ordnete am 15. Oktober 2015 analog zur Entscheidung des KBA in Deutschland den Rßckruf von 363.400 betroffenen Dieselfahrzeugen des Volkswagen-Konzerns an. Die betroffenen Fahrzeugbesitzer wurden von Porsche Austria verständigt. Die Rßckrufaktion startete ab Januar 2016.cite-ref-221[221]
Am 23. Oktober 2015 wurde bekannt, dass auch 2.372 Dieselfahrzeuge der Ăśsterreichischen Polizei betroffen sind.cite-ref-222[222]
Nordamerika
In den USA wurde der Motor in der 2,0-Liter-Variante in den Jahren von 2008 bis 2015 verwendet. Die Werte fßr Stickoxide liegen bei diesen Motoren im normalen Fahrbetrieb beim 10- bis 40-Fachen des vorgeschriebenen Grenzwertes Tier 2 Bin 5.cite-ref-223[223] Anfang November 2015 erweiterte die EPA die Liste um Fahrzeugtypen der Marken VW, Audi und Porsche, die einen Dreiliter-Motor (3.0 TDI) haben und den Grenzwert bis zum Neunfachen ßberschritten hätten.cite-ref-epa-nov-2-55-2[55] Laut EPA handelt es sich um mindestens 482.000 Fahrzeuge der folgenden Baureihen:cite-ref-epa-nov-2-55-3[55]cite-ref-224[224]
⢠Audi A3 8P (Modelljahr 2010â2013 und 2015)
⢠Audi A6 Quattro (Modelljahr 2016)
⢠Audi A7 Quattro (Modelljahr 2016)
⢠Audi A8 und A8L (Modelljahr 2016)
⢠Audi Q5 (Modelljahr 2016)
⢠Porsche Cayenne (Modelljahr 2015)
⢠VW Beetle (Modelljahr 2012â2015)
⢠VW Golf VI (Modelljahr 2010â2012)
⢠VW Golf VII (Modelljahr 2012â2015)
⢠VW Golf Sportwagen (Modelljahr 2015)
⢠VW Jetta V (Modelljahr 2009â2010)
⢠VW Jetta VI (Modelljahr 2010â2015)
⢠VW Jetta Sportwagen (Modelljahr 2009â2014)
⢠VW Passat (NMS) (Modelljahr 2012â2015)
⢠VW Touareg (Modelljahr 2014)
Im Oktober 2015 zog VW den Zulassungsantrag fßr die Dieselmodelle des Jahrgangs 2016 zurßck, da die Motorsteuerung Software enthalte, die der EPA hätte offengelegt werden mßssen. Ausgenommen davon sind nur VW Touareg, die nicht den EA189-Nachfolgemotor EA288 verwenden.cite-ref-225[225]cite-ref-226[226]
Kenntnis und Warnungen vor dem Skandal, Verschleierung
Kenntnis bei Volkswagen
Aus einem ersten PrĂźfbericht der internen Revision von VW ging hervor, dass ein VW-Techniker bereits im Jahr 2011 den damaligen Leiter der Aggregateentwicklung der Marke Volkswagen, Heinz-Jakob NeuĂer, vor illegalen Praktiken mit Abgaswerten warnte.cite-ref-fas-20150927-227-0[227]cite-ref-228[228] Der Bericht lieĂ jedoch offen, warum die Warnung damals ohne Folgen blieb.cite-ref-fas-20150927-227-1[227]
Nach internen Ermittlungen wurde dem VW-Aufsichtsrat am 28. September 2016 ein erster Zwischenbericht vorgelegt. Demnach fiel die Entscheidung zur Manipulation der Software in Dieselfahrzeugen bereits in den Jahren 2005 und 2006, und zwar in der Motorenentwicklung in der VW-Zentrale in Wolfsburg.cite-ref-focus-4977714-229-0[229]cite-ref-230[230]cite-ref-zeit-2015-09-28-231-0[231]
Im April 2016 ergaben die konzerninternen Untersuchungen durch die Anwaltskanzlei Jones Day, dass alle an der Entwicklung der Motoren beteiligten FĂźhrungskräfte unterhalb der Vorstandsebene als âbelastetâ hinsichtlich ihrer Kenntnis der Manipulationen gelten. Teilnehmer einer Sitzung am 20. November 2006 gaben an, dass der damalige Leiter der Motorentwicklung bei Volkswagen, Rudolf Krebs, den Einbau gebilligt habe. Krebs streitet dies ab. Ab 2008 seien in den USA Motoren mit der Betrugssoftware verkauft worden.cite-ref-tagesschau-20160427-krebs-232-0[232] Mehrere Personen hätten zu Protokoll gegeben, dass der Ex-Entwicklungschef Ulrich Hackenberg eingeweiht gewesen sei.cite-ref-welt-20151004-233-0[233]
Im März 2016 räumte die KonzernfĂźhrung ein, dass Winterkorn im Mai 2014 und erneut im November 2014 darĂźber informiert worden sei, dass manche VW-Modelle unter Realbedingungen das 35-Fache der erlaubten Stickoxid-Werte ausstieĂen. Im Juli 2015 wurde die Problematik erneut auf einem konzerninternen Treffen besprochen, an dem auch VW-Markenchef Herbert Diess teilnahm.cite-ref-234[234] Die New Yorker Staatsanwaltschaft gibt in einer Anklageschrift vom Juli 2016 an, Winterkorn und Matthias MĂźller haben bereits 2006 von der Verwendung einer Abschaltvorrichtung bei der VW-Tochter Audi gewusst.cite-ref-tagesschau-20160721-anklage-audi-235-0[235]
Die Bild am Sonntag berichtete im September 2016, Winterkorn habe bereits im Juni 2015 von den Abweichungen bei den Emissionen gewusst. Sie beruft sich dabei auf ein Papier, in dem Winterkorn bestätigt, man solle gegenĂźber US-BehĂśrden die Problematik âteilweiseâ offenlegen.cite-ref-236[236]
Im September 2016 wurde eine E-Mail eines Audi-Mitarbeiters aus dem Jahr 2007 bekannt. Darin gibt dieser an, âganz ohne BescheiĂenâ werde man die Emissionsvorgaben in den USA nicht einhalten kĂśnnen.cite-ref-tagesschau-20160921-audi-knirsch-237-0[237] In einem VW-internen Papier, das im November an die Ăffentlichkeit geriet, wiesen konzerneigene Anwälte darauf hin, dass die Abschaltvorrichtungen in mehreren Fahrzeugen mit Automatikgetrieben unter dem Begriff âWarmlaufprogrammeâ nicht rechtens seien.cite-ref-238[238] Weitere konzerninterne Papiere belegten Anfang November, dass die kalifornische LuftreinhaltungsbehĂśrde CARB im Sommer 2016 illegale Abschaltvorrichtungen bei Fahrzeugen mit dem Automatikgetriebe âAL 551â entdeckte. Die Manipulationen seien seit Jahren in Diesel- und Benzinfahrzeugen im europäischen und amerikanischen Markt Praxis.cite-ref-239[239]
Als im Jahr 2014 die ICCT in Zusammenarbeit mit der West Virginia University (WVU) Abgasmessungen an VW-Fahrzeugen vornahm und Unstimmigkeiten feststellte, wurden im selben Jahr im Rahmen einer von VW, Daimler-Benz und BMW ausgehenden Studie Stickstoffdioxid-Inhalationen an Affen vorgenommen, um die Tauglichkeit von Abgasfiltern, bzw. die Gesundheitsverträglichkeit von eigenen Fahrzeugen im Test zu beweisen.cite-ref-240[240] So wurde die Wirkung der Abgase von einem mit manipulierter Abgastechnik ausgestattetem VW Beetle und einem Ford-Diesel-Truck (Modelljahr 1999) auf Affen untersucht und verglichen.cite-ref-241[241]
Auch die Gerichte in Deutschland zweifeln an, dass der Skandal vonstattenging, ohne dass der Vorstand Kenntnis davon hatte. So urteilte zum Beispiel das Oberlandesgericht Karlsruhe am 18. Juli 2019 fßr den klagenden Verbraucher und verpflichtete die Volkswagen AG zu Schadensersatz wegen vorsätzlicher sittenwidriger Schädigung nach § 826 BGB.cite-ref-242[242]
Warnungen bei RegierungsbehĂśrden
Den Abgasen der Kraftfahrzeuge wurde von den UmweltbehĂśrden in einigen Städten bereits seit den 1990er Jahren besondere Aufmerksamkeit gewidmet. So hieĂ es in einem Bericht der Berliner Senatsverwaltung aus dem Jahre 2005: âBei den Stickoxiden hat zu Beginn der 90er Jahre der StraĂenverkehr die Industrieanlagen als Hauptverursacher bei den Berliner Quellen abgelĂśst.â Demnach hatte der StraĂenverkehr 2002 bereits einen Anteil von fast 50 % an den Stickoxidemissionen, während die Emissionen aus Industrieanlagen auf unter 30 % gesunken waren.cite-ref-243[243] Im Jahre 2012 hieĂ es ebenfalls, der Kfz-Verkehr sei âHauptverursacher bodennaher Luftbelastungâ. Hoffnungen wurden dabei auf âdie weitere Verbesserung der Fahrzeugtechnikâ gesetzt.cite-ref-244[244]
Nach Recherchen des NDR, WDR und der SZ war bereits im Mai 2010 Ăźber eine Studie sowie einer Einschätzung des ADAC der Regierung und den zuständigen Ministerien bekannt, dass â bei allen Dieselherstellern â mithilfe von Abschaltvorrichtungen bei PrĂźfungen Grenzwerte eingehalten wurden, die jedoch im Realbetrieb auf der StraĂe zum Schaden von Mensch und Umwelt deutlich Ăźberschritten werden.cite-ref-245[245]cite-ref-246[246] Erste Hinweise auf Manipulationen gab es laut Spiegel bereits während der GroĂen Koalition im Jahr 2008, als das Umweltbundesamt ein Konzept fĂźr ein neues Ăberwachungssystem anfertigte und dabei auch vor Manipulationen durch Software warnte. Die Hinweise des Umweltbundesamtes wurden anschlieĂend aber aus einem Bericht des Umweltministeriums (BMU) gelĂśscht, da diese Erkenntnisse laut zuständigem BMU-Mitarbeiter âTretminenâ seien.cite-ref-247[247]
Im Juni 2016 belegte die britische Zeitung The Guardian anhand von Dokumenten, dass die Europäische Kommission bereits 2010 durch ihren hauseigenen wissenschaftlichen Dienst Ăźber UnregelmäĂigkeiten in Emissionstests und den Verdacht eines eingebauten âdefeat deviceâ informiert wurde. 2013 warnte eine Studie der Umweltabteilung der Kommission vor âzunehmenden Beweise[n] illegaler Praktiken, die die Luftreinhaltungssysteme umgehenâ. Der damalige Direktor der Umweltabteilung, Karl Falkenberg, appellierte im November 2014 an den Direktor der Marktabteilung, Daniel Calleja Crespo, die UnregelmäĂigkeiten bei den Emissionstests untersuchen zu lassen.cite-ref-248[248]cite-ref-249[249]
Seit 2011 wusste die EU-Kommission nach Presseinformationen auch von einem Zulieferer, dass Autohersteller in der EU durch manipulierte Motorsteuerung bei Abgasmessungen betrĂźgen. Dennoch trat Kommissarin ElĹźbieta BieĹkowska später vor dem EU-Parlament auf und gab an, die Kommission habe nichts vom Betrug gewusst.cite-ref-250[250]
Der zuständige Fachausschuss der Europäischen Union beschloss im Mai 2015, dass ZulassungsprĂźfungen insbesondere im Hinblick auf Stickoxid-Emissionen kĂźnftig nicht nur unter Laborbedingungen, sondern auch im realen Fahrbetrieb auf der StraĂe (Emissionen im praktischen Fahrbetrieb) erfolgen sollen.cite-ref-251[251]cite-ref-252[252]
Reaktionen und Folgen
Volkswagen
Am 20. September 2015 gestand der Vorstandsvorsitzende der Volkswagen AG Martin Winterkorn das Vergehen Ăśffentlich ein.cite-ref-253[253] Volkswagen stoppte daraufhin den Verkauf der betroffenen Dieselfahrzeuge in den Vereinigten Staaten und in Kanada. Winterkorn entschuldigte sich am 22. September 2015 Ăśffentlich fĂźr die Vorkommnisse. Er sagte: âEs tut mir unendlich leid, dass wir dieses Vertrauen enttäuscht haben. Ich entschuldige mich in aller Form bei unseren Kunden, bei den BehĂśrden und der gesamten Ăffentlichkeit fĂźr das Fehlverhalten.âcite-ref-254[254]cite-ref-welt-146736622-255-0[255] VW-Betriebsratschef Bernd Osterloh forderte personelle Konsequenzen: âWir gucken uns in den nächsten Tagen an, was passiert ist, wer die Verantwortung trägt.âcite-ref-256[256]
Am selben Tag bildete VW fĂźr das dritte Quartal RĂźckstellungen in HĂśhe von 6,5 Mrd. Euro, was mehr als der Hälfte des Jahresgewinnscite-ref-tagesschau-20150922-257-0[257] aus dem Jahr 2014 entspricht. Gleichzeitig wurde eine Gewinnwarnung ausgesprochen.cite-ref-welt-146695787-258-0[258] Volkswagen beauftragte aufgrund der drohenden Ermittlungen die US-Anwaltskanzlei Kirkland & Ellis LLP, sie rechtlich zu vertreten. Die Kanzlei hatte im Jahr 2010 bereits den britischen Ălkonzern BP nach der Explosion der Ălplattform Deepwater Horizon vertreten.cite-ref-mm20150923-259-0[259]cite-ref-spon-1054299-260-0[260]
Am 22. September 2015 räumte VW ein, die betreffende Software sei in weiteren Fahrzeugen auch auĂerhalb der Vereinigten Staaten vorhanden und habe in weltweit etwa elf Mio. Fahrzeugen Auswirkungen auf die PrĂźfstandswerte.cite-ref-tagesschau-20150922-257-1[257]cite-ref-vwinformiert22092015-261-0[261] Betroffen sei der Motortyp EA189, der Common-Rail-Motoren nach Euro 5 mit drei bzw. vier Zylindern und Hubräumen von 1,2 l, 1,6 l und 2,0 l umfasst.cite-ref-handelsblatt-150922-262-0[262] Laut dem Unternehmen wurde ausschlieĂlich bei diesem Motortyp eine auffällige Abweichung zwischen PrĂźfstandswerten und realem Fahrbetrieb festgestellt.cite-ref-vwinformiert22092015-261-1[261]
Am 23. September 2015 bat Winterkorn das Aufsichtsrats-Präsidium, seinen Vertrag aufzuheben.cite-ref-263[263]cite-ref-tagesspiegel-12356348-264-0[264] Er begrĂźndete seinen RĂźcktritt mit einem nun mĂśglichen personellen Neuanfang, obwohl er sich âkeines Fehlverhaltens bewusstâ sei. Im Januar 2017 wurde Winterkorn vor dem Untersuchungsausschuss des deutschen Bundestages befragt.cite-ref-winterkorn-ua-265-0[265]
Der Aufsichtsrat bestimmte am 25. September den bisherigen Vorstandsvorsitzenden der Porsche AG, Matthias MĂźller, zum neuen Vorsitzenden.cite-ref-266[266]
Laut internen Untersuchungen sollen die ersten VW-Mitarbeiter illegale Software-Manipulationen bei Dieselmotoren gestanden haben.cite-ref-welt-20151004-233-1[233]
Herbert Diess, Markenvorstand Volkswagen, erklärte am 13. Oktober 2015: âDie Marke Volkswagen stellt sich fĂźr die Zukunft neu auf. Wir werden effizienter, richten die Produktpalette und Kerntechnologien neu aus und schaffen uns mit dem beschleunigten Effizienzprogramm den Spielraum fĂźr zukunftsweisende Technologien.â Ein Sparprogramm bei den Investitionen im Umfang von rund einer Milliarde Euro pro Jahr solle die Kosten fĂźr den Abgasskandal abfedern. FĂźr Europa und Nordamerika wurde ein vollständiger Umstieg bei Diesel-Aggregaten auf die SCR- und AdBlue-Technologie zum frĂźhestmĂśglichen Zeitpunkt beschlossen. Nur noch die umwelttechnisch besten Abgassysteme sollen in den Dieselfahrzeugen zum Einsatz kommen.cite-ref-267[267]
Am 17. Oktober 2015 kritisiert der Betriebsrat des Volkswagen-Konzerns die Diskussionen des VW-Vorstandes zur mĂśglichen Reduzierung der 6000 Arbeitnehmer, die bei Zeitarbeitsunternehmen angestellt sind. Ein VW-Sprecher erklärte am 17. Oktober 2015: âSollte sich ein vorĂźbergehender BeschäftigungsrĂźckgang ergeben, wird Kurzarbeit wie in der Vergangenheit eine sinnvolle MĂśglichkeit seinâ. FĂźr Leiharbeitnehmer ist Kurzarbeit wegen § 11 Abs. 4 ArbeitnehmerĂźberlassungsgesetz (AĂG) allerdings bislang nicht zulässig.cite-ref-268[268]
Nachdem die Volkswagen AG noch am 15. Oktober bestritten hatte, es seien andere Motoren als der EA189 manipuliert worden,cite-ref-vwag-ea189-kba-132-2[132] gab ein Unternehmenssprecher am 22. Oktober 2015 zu, dass in den USA auch der EA288 betroffen sei.cite-ref-spon-ea288-1-133-1[133] Die Euro-5-Versionen und Euro-6-Versionen enthielten dagegen keine unzulässigen Abschalteinrichtungen.cite-ref-sz-ea288-135-1[135]
Laut der Preisvergleichswebseite TrueCar boten VW-Händler in den USA im Oktober 2015 einen durchschnittlichen Neuwagenrabatt von etwa elf Prozent; der Branchendurchschnitt betrug ca. sechs Prozent.cite-ref-269[269]
VW-Finanzvorstand Frank Witter gab gegenßber Analysten am 28. Oktober 2015 an, dass der Volkswagen-Konzern durch die Minderung des Gewinns wegen der milliardenschweren Rßckstellungen fßr Rßckrufe von Dieselfahrzeugen zum Teil auch eine niedrigere Steuerlast gegenßber dem Staat habe. In der Presse wurde berichtet, Volkswagen wälze hierdurch die Kosten auf den Steuerzahler ab. Eine Minderung der Steuerlast ist bei Kosten aus dem Abgasskandal in Deutschland dabei nur bei einem Strafverfahren nicht zulässig. Volkswagen hat im dritten Geschäftsquartal 2015 fßr Rßckrufe von mehreren Millionen Dieselfahrzeugen rund 6,7 Milliarden Euro zurßckgelegt und damit erstmals seit ßber 15 Jahren einen Verlust vor Zinsen und Steuern (EBIT) von rund 3,5 Milliarden Euro ausgewiesen.cite-ref-270[270]cite-ref-271[271]
Als Reaktion auf die am 2. November 2015 von der EPA verĂśffentlichte zweite Notice of Violationcite-ref-epa-nov-2-55-4[55] bestritt der VW-Konzern, Manipulationen vorgenommen zu haben. Das Unternehmen argumentierte, es handele sich vielmehr âum ein gängiges und legales System zur Abgasregulierungâ, âdas der Konzern bei der Zulassung in den USA aber nicht angegeben habeâ. Gleichwohl stoppte man laut Handelsblatt in den USA den Verkauf der in der Notice benannten Fahrzeugtypen der Marken VW, Audi und Porsche.cite-ref-272[272]
Volkswagen gab am 3. November 2015 bekannt, es sei bei internen Untersuchungen festgestellt worden, dass bei der Bestimmung des Kohlenstoffdioxid-Wertes fĂźr die Typzulassung von Fahrzeugen UnregelmäĂigkeiten aufgetreten wären.cite-ref-vw-co2-20151103-273-0[273] Hiervon seien bisher rund 800.000 Fahrzeuge des VW-Konzerns betroffen, davon laut Bundesverkehrsminister Dobrindt rund 98.000 mit Ottomotor.cite-ref-274[274] Die wirtschaftlichen Risiken wurden in einer ersten Schätzung mit rund zwei Milliarden Euro beziffert. In Abstimmung mit den BehĂśrden sollte geklärt werden, wie eine korrekte Einstufung der CO2-Werte bei den betroffenen Fahrzeugen vorzunehmen ist.cite-ref-vw-co2-20151103-273-1[273] Die Europäische Kommission stellte diesbezĂźglich BuĂgelder, Dobrindt Steuernachzahlungen seitens der Fahrzeughalter in Aussicht.cite-ref-275[275] Am 6. November 2015 sicherte der VW-Vorstand den Finanzministern der Europäischen Union zu, dass mĂśgliche Nachzahlungen bei den Kraftfahrzeugsteuern wegen falscher Angaben zum Kohlendioxid-AusstoĂ vom VW-Konzern Ăźbernommen wĂźrden.cite-ref-276[276] Am 9. November 2015 forderte die EU-Kommission Volkswagen auf, binnen zehn Tagen âDetails zu den geschĂśnten Angaben bei Treibstoffverbrauch und KohlendioxidausstoĂâ zu nennen, insbesondere zu betroffenen Modellen und konkreten Abweichungen der Emissionen.cite-ref-277[277]
Am 9. November 2015 startete Volkswagen of America ein Goodwill-Programm, bei dem US-EigentĂźmer betroffener Wagen 1000 US-Dollar pro 2,0-Liter-Dieselfahrzeug (2.0 L TDI) in Form einer Guthabenkarte (Visa Prepaid Loyality Card, ausgegeben von der MetaBank) und einer weiteren VW-Händlerkarte (Volkswagen Dealership Card) im Wert von je 500 US-Dollar sowie eine kostenfreie 24-Stunden-Pannenhilfe fĂźr drei Jahre erhalten. Die Kunden mĂźssen sich bis zum 30. April 2016 im Internet auf einer VW-Website unter Angabe des Kilometerstandes registrieren, um die Karten zu erhalten. Dann mĂźssen sie durch Vorlage der Kennzeichenregistrierung o. ä. den Fahrzeugbesitz seit mindestens 8. November 2015 nachweisen, um die Karten bei einem VW-Händler zu aktivieren, wobei auch der Kilometerstand des Wagens abgelesen wird. VW betont, dass durch den Erhalt des âCustomer Goodwill Packageâ keinerlei Klagerechte oder andere AnsprĂźche an VW aufgegeben werden.cite-ref-278[278] Am 9. März 2016 trat der Vorstandsvorsitzende von Volkswagen of America, Michael Horn, zurĂźck. Horn bekleidete das Amt seit 2014.cite-ref-ruecktritt-horn-279-0[279]
FĂźr das erste Quartal 2016 wies die Volkswagen Gruppe einen Gewinn von 3,2 Mrd. Euro aus, 20 % weniger als im Vorjahr. Der Gewinn der Marke Volkswagen war von 514 Mio. Euro im Vorjahr auf 73 Mio. Euro eingebrochen. Christian Stadler von der Warwick Business School warnte davor, diese Zahlen zu unterschätzen. Volkswagens Konkurrent um den Titel des grĂśĂten Automobilherstellers, die US-amerikanische General Motors Company, habe im gleichen Zeitraum einen geringeren Gewinn erwirtschaftet.cite-ref-280[280]
Im Rahmen der konzerninternen Ermittlungen durch die US-amerikanische Anwaltskanzlei Jones Day geriet die VW-Tochter Audi ab Juli 2016 mehr und mehr in den Fokus. Nach dem Fund belastender Dokumente, die eine Verwendung der Schadsoftware bei Audi ab 2004 belegen,cite-ref-tagesschau-20160721-anklage-audi-235-1[235] gilt Audi konzernintern als âMutter des Betrugsâ. Der Rechercheverbund des NDR, WDR und der SĂźddeutsche Zeitung berichtete im September 2016, dass vier hochrangige Mitglieder der Motorentwicklung beurlaubt worden seien, unter ihnen der Entwicklungsvorstand Stefan Knirsch. Knirsch bestreitet die Kenntnis vom Betrug.cite-ref-tagesschau-20160921-audi-knirsch-237-1[237] Im März durchsuchten die Staatsanwaltschaften MĂźnchen und Stuttgart BĂźros in den VW- und Audi-Standorten Ingolstadt und Neckarsulm. Die SĂźddeutsche Zeitung berichtete von Durchsuchungen von Privatwohnungen, wobei die von Rupert Stadler zunächst ausgeschlossen wurde. Zu den VorwĂźrfen gehĂśrt der der âstrafbaren Werbungâ, da Audi mit dem Spruch âVorsprung durch Technikâ bei Verwendung einer illegalen Abschalteinrichtung in die Irre gefĂźhrt habe.cite-ref-281[281] Nachdem im Juni 2017 Bundesverkehrsminister Dobrindt von einer âunzulässigen Abschaltvorrichtungâ in Euro-5-Modellen von Audi gesprochen hatte, warf Stadler ihm in einer Audi-internen Botschaft Aktionismus im Vorfeld der nahenden Bundestagswahl im September 2017 vor.cite-ref-dobrindt-vs-stadler-282-0[282]
Mitte Juni 2018 wurde Audi-Chef Rupert Stadler in Untersuchungshaft genommen, nachdem zuvor u. a. seine Privatwohnung untersucht worden war. Vorgeworfen wird ihm von der Staatsanwaltschaft âBetrug sowie mittelbare Falschbeurkundungâ durch Inverkehrbringen von Dieselfahrzeugen mit manipulierter Abgasreinigung. Die Untersuchungshaft wurde mit Verdunklungsgefahr begrĂźndet, d. h. dem Verdacht, dass Beweismittel vernichtet oder Zeugenaussagen manipuliert werden kĂśnnten.cite-ref-283[283] Zuvor soll Stadler versucht haben, Einfluss auf Zeugen zu nehmen.cite-ref-284[284] Am 19. Juni 2018 wurde Stadler daraufhin vom Audi Aufsichtsrat beurlaubt.cite-ref-285[285]
Aktuell (Stand 2020) läuft gegen Ex-Audi-Chef Rupert Stadler das Gerichtsverfahren vor dem Landgericht Mßnchen II wegen Betrugs, mittelbarer Falschbeurkundung sowie strafbarer Werbung.cite-ref-286[286]
Im Juni 2016 erhob die niedersächsische Staatsanwaltschaft in Braunschweig Anklage gegen Winterkorn und Herbert Diess.cite-ref-287[287]cite-ref-vv-juni-2016-288-0[288] Auf der Hauptversammlung im Juni 2016 wurde der ehemalige Konzernvorstand inklusive Winterkorn und Diess entlastet. Die niedersächsische Landesregierung enthielt sich bei der Abstimmung.cite-ref-vv-juni-2016-288-1[288]
Am 15. April 2019 wurde bekannt, dass die Staatsanwaltschaft Braunschweig Anklage gegen den ehemaligen VW-Chef Martin Winterkorn erhoben hat. Ihm wird unter anderem schwerer Betrug, Untreue, Steuerhinterziehung und strafbare Werbung vorgeworfen.cite-ref-289[289]
Im September 2019 erhob die Staatsanwaltschaft Braunschweig wegen des Verdachts der Marktmanipulation (vorsätzliches Missachten der Meldepflicht von aktienkursrelevanten Ereignissen) erneut Anklage gegen Martin Winterkorn sowie aus demselben Grund gegen Herbert Diess und Hans Dieter PÜtsch.cite-ref-290[290]
Technische LĂśsung
Im Rahmen der unter dem Code 23R7 firmierenden RĂźckrufaktion fĂźr VW-EA189-Motoren mit 1,2, 1,6 und 2,0 Liter Hubraumcite-ref-vw-23r7-291-0[291] wird das Motorsteuergerät umprogrammiert. Bei 1,6-Liter-Dieselmotorencite-ref-vw-23r7-291-1[291] wird ein sogenannter StrĂśmungstransformator (auch StrĂśmungsgleichrichter oder Luftleitgitter genannt) nachgerĂźstet. Auch dieses nur wenige Euro teure Bauteil soll das Problem der zu hohen Abgaswerte in Zukunft beheben.cite-ref-292[292] Der StrĂśmungsgleichrichter ist ein Gitter, das den verwirbelten Luftstrom beruhigt und eine laminare StrĂśmung erzeugt, durch welche der Luftmassenmesser genauere Angaben fĂźr das Motormanagement liefert, wonach der Verbrauch sinken soll.cite-ref-293[293] Die Wirksamkeit der MaĂnahmen ist umstritten.cite-ref-294[294]
Aus einem vertraulichen VW-internen Papier, welches dem Fernsehmagazin ZDFzoom vorliegt und auch vom Spiegel eingesehen werden durfte, geht hervor, dass das Abgasproblem der Dieselmotoren auch nach der UmrĂźstung nicht gelĂśst ist. Dem zufolge hat Volkswagen mit der Softwareaktualisierung der RĂźckrufaktion gleich mehrere Abschaltsysteme installiert, die weiterhin zwischen Labor und StraĂenverkehr unterscheiden und zu ĂźberhĂśhten Stickstoffemissionen im StraĂenverkehr von bis zu 900 mg je Kilometer fĂźhren, während der gesetzliche Grenzwert fĂźr diese Euro-5-Dieselmotoren bei 180 mg liegt. AuĂerdem geht aus dem Papier hervor, dass Volkswagen auf dem HĂśhepunkt des Abgasskandals im Jahr 2015 als Hersteller diese âZielwerteâ fĂźr den StickoxidausstoĂ selbst definierte, während das Kraftfahrtbundesamt den VW-Plänen lediglich zustimmte.cite-ref-vw-agr-1-297-0[297]cite-ref-298[298]
Krisenkommunikation
Zu Beginn der Krisenkommunikation sprach Martin Winterkorn mit Blick auf den VW-Abgasskandal zunächst verallgemeinernd von âUnregelmäĂigkeitenâ. In einer eigenen Mitteilung vom 6. Oktober 2015 gebrauchte VW ohne Umschweife den Begriff âAbgasskandalâ.cite-ref-299[299] Seit Ende Oktober 2015 nimmt VW mit den weniger konkreten und euphemistischen Begriffen âDieselthematikâ oder âAbgasthematikâ auf den Abgasskandal Bezug.cite-ref-300[300] In englischsprachigen Mitteilungen wird der entsprechende Begriff âemissions issueâ bzw. auch âTDI emissions issueâ gebraucht.cite-ref-301[301] Im Mai 2017 sprach der Aufsichtsratsvorsitzende Hans Dieter PĂśtsch später von der âDieselkriseâ, die das Unternehmen zu bewältigen habe. Wie u. a. das Manager Magazin bemerkt, ist dies âein subtiler, aber deutlich hĂśrbarer verbaler Schwenkâ.cite-ref-302[302]
Reformpläne
Ein Mitte November 2016 vorgestellter Reformplan sieht den Abbau von bis zu 30.000 Arbeitsplätzen bei VW bis Ende 2025 vor. Davon sollen allein in Deutschland bis zu 23.000 Stellen bei der Kernmarke Volkswagen wegfallen. Zugleich sollen 9.000 neue Jobs geschaffen und 3,5 Milliarden Euro in die Zukunftsfähigkeit investiert werden.cite-ref-303[303]
Bosch
Die Technik zur Abgasnachbehandlung hatte VW von seinem Zulieferer Bosch gekauft. Bosch wies allerdings jede Verantwortung fĂźr den Skandal von sich und verwies stattdessen auf VW. Ein Bosch-Sprecher sagte dazu: âWir fertigen die Komponenten nach Spezifikation von Volkswagen. [âŚ] Die Verantwortung fĂźr Applikation und Integration der Komponenten liegt bei VW.â Von Umprogrammierungen habe das Unternehmen keine Kenntnis.cite-ref-hb-12353328-304-0[304]cite-ref-305[305] Bereits im Jahr 2007 habe Bosch VW in einem Schreiben vor der illegalen Verwendung seiner Technik zur Abgasnachbehandlung gewarnt.cite-ref-spon-1054926-306-0[306] Allerdings zahlte 2017 Bosch in einem Vergleich 304 Millionen Euro an US-Zivilkläger, die Bosch aktive Mithilfe bei der Manipulation der Abgaswerte von VW-Autos vorwarfen.cite-ref-faz-bosch-2017-02-70-1[70] 2019 musste Bosch zur Beilegung der Rechtsstreitigkeiten in Deutschland unter anderem ein BuĂgeld von 90 Millionen Euro zahlen.cite-ref-307[307]
TĂV Nord und der FSD (DEKRA mit TĂVs u. a.)
Am 23. November 2015 kritisierte der Vorstandsvorsitzende des TĂV Nord und Vorsitzende des Verbandes der TĂV, Guido Rettig, im Interview gegenĂźber der Welt die Bundesregierung. Diese habe den PrĂźfern des TĂV auf Drängen der Automobilindustrie untersagt, die Motorensoftware der Fahrzeuge zu untersuchen. âWir haben leider gesetzlich keinerlei MĂśglichkeit, Einblicke in die Motorsteuerung und die dort verbaute Software der Fahrzeuge zu nehmenâ und âaus diesem Grund hatten unsere Sachverständigen keine Chance, die Manipulationen bei Stickoxiden von Dieselfahrzeugen zu erkennenâ.cite-ref-308[308]
Mit weiteren Fakten traten JĂźrgen BĂśnninger, GeschäftsfĂźhrer der âFSD Fahrzeugsystemdaten GmbH - Zentrale Stelle nach StVGâ und Gerhart Baum auf. In einem Interview informierte zunächst BĂśnninger Ăźber die Weigerung der Hersteller â auĂer Honda, Fiat und Renault â den TypprĂźfstellen der TĂVs, DEKRA u. a. den Quellcode fĂźr die Untersuchung der Motorensoftware zu Ăźbergeben. Die einschlägigen EU-Richtlinien sehen dies aber vor. Die Bundesregierung setzte die Richtlinie nicht ins nationale Recht um. Gerhart Baum erläuterte die juristischen Zusammenhänge. Bereits im März 2009 protestierte er als Anwalt im Auftrag der FSD schriftlich beim damaligen Vizepräsidenten der EU-Kommission GĂźnter Verheugen, dass âdas Verhalten der Hersteller... gegen unmittelbar geltendes Recht verstĂśĂtâ. Eine Klage wegen unterlassener Umsetzung einer EU-Richtlinie wäre mĂśglich, jedoch nicht zielfĂźhrend.cite-ref-309[309]cite-ref-310[310]
Staatlich und Ăźberstaatlich
EU-Kommission
Ein Fachausschuss der Europäischen Kommission schlug im Oktober 2015 vor, dass Typenzulassungen neuer Modelle ab September 2017 die Stickoxid-Grenzwerte um bis zu 110 % und ab Januar 2020 die Grenzwerte um bis zu 50 % Ăźberschreiten dĂźrfen. Ein Veto-Antrag im Europäischen Parlament scheiterte nach starkem Lobbyismus durch Deutschland, GroĂbritannien und Dänemark â das keine starke Autoindustrie besitzt â knapp.cite-ref-311[311] Das Europäische Parlament setzte den Untersuchungsausschuss zu Emissionsmessungen in der Automobilindustrie ein.cite-ref-312[312]
Siehe auch
:
entsprechender Abschnitt im Artikel
Abgasnorm
Am 8. Dezember 2016 hat die Europäische Kommission ein Vertragsverletzungsverfahren gegen Deutschland und 6 weitere Mitgliedstaaten erĂśffnet, weil sie ihren Verpflichtungen nach den EU-Rechtsvorschriften fĂźr die Typgenehmigung von Kraftfahrzeugen nicht nachgekommen sind. Deutschland habe demnach seine nationalen Bestimmungen Ăźber Sanktionen nicht angewendet, obwohl Volkswagen verbotene Abschaltprogramme verwendete. DarĂźber hinaus vertritt die Kommission die Auffassung, dass Deutschland das Gesetz gebrochen habe, indem es sich nach Aufforderung durch die Kommission weigerte, alle in nationalen Untersuchungen gesammelten Informationen offenzulegen, die potenzielle UnregelmäĂigkeiten bei den Emissionen von Stickoxid bei Fahrzeugen des Volkswagenkonzerns und anderer Hersteller betreffen.cite-ref-313[313]
Im Juli 2017 forderte die Kommissarin fĂźr Unternehmen und Industrie, ElĹźbieta BieĹkowska in einem Brief alle Verkehrsminister der EU dazu auf, bis spätestens Ende 2017 dafĂźr Sorge zu tragen, dass alle manipulierten Dieselfahrzeuge umgerĂźstet oder stillgelegt werden.cite-ref-314[314]
Wegen ihrer Beteiligung an Absprachen Ăźber die Abgasnachbehandlung bei den Dieselfahrzeugen mĂźssen der VW-Konzern und BMW eine KartellbuĂe von insgesamt 875 Millionen Euro zahlen. Dies entschied die EU-Kommission am 8. Juli 2021. Der Hauptvorwurf lautete, dass die Autobauer sich in unzulässiger Weise Ăźber die GrĂśĂe von AdBlue-Tanks abgesprochen hätten. VW muss 502 Millionen Euro zahlen, BMW 373. Daimler war auch an den Absprachen beteiligt, kam jedoch ohne eine BuĂe davon, weil es die Absprachen in BrĂźssel angezeigt hatte und somit von der Kronzeugenregelung profitierte.cite-ref-315[315]cite-ref-316[316]
Deutschland
Bundesregierung
Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) bezeichnete den Skandal nach Bekanntwerden im September 2015 als âschlimme[n] Vorfallâ, betonte aber, der Begriff Made in Germany sei weltweit ein Qualitätsbegriff.cite-ref-faz-01234-317-0[317] Am 8. Oktober 2015 warnte er beim Europäischen und Weltkonzernbetriebsrat von Volkswagen in Wolfsburg vor Abbau der 70.000 Arbeitsplätze, die an der modernen Dieseltechnologie hängen.cite-ref-318[318]
Am 25. September 2015 informierte Deutschlands Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) in einer Sitzung des Deutschen Bundestages die Ăffentlichkeit, dass in Deutschland 2,8 Millionen Dieselfahrzeuge des Volkswagen-Konzerns von der Manipulation betroffen seien.cite-ref-spon-1054810-319-0[319] Auch weitere europäische Märkte sind betroffen.cite-ref-focus-4969360-320-0[320]cite-ref-welt-146796508-321-0[321]cite-ref-322[322]cite-ref-323[323]
Das Kraftfahrt-Bundesamt forderte Volkswagen unterdessen schriftlich auf, bis zum 7. Oktober 2015 einen âverbindlichen MaĂnahmen- und Zeitplanâ vorzulegen, ob und bis wann die Fahrzeuge ohne Manipulation der Software die verbindliche Abgasverordnung einhalten werden.cite-ref-faz-13825927-324-0[324]
Am 4. Oktober 2015 äuĂerte Bundeskanzlerin Angela Merkel gegenĂźber dem Deutschlandfunk, dass die Affäre um geschĂśnte Abgaswerte ein einschneidendes Ereignis sei. Doch glaube sie nicht, dass das Vertrauen in die deutschen Unternehmen derart erschĂźttert sei, dass der gute Ruf des Wirtschaftsstandorts Deutschland darunter leide.cite-ref-325[325]
Am 14. Oktober 2015 forderte die Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) in einem Positionspapier, Konsequenzen aus dem Abgasskandal bei Volkswagen zu ziehen.cite-ref-326[326]
Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) verwies am 16. Oktober 2015 in einem zweiseitigen Schreiben an 31 europäische Amtskollegen auf den Bescheid des Kraftfahrt-Bundesamts (KBA) vom 15. Oktober, wonach es sich bei der eingebauten Software um eine unzulässige Abschalteinrichtung nach Artikel 5 Absatz 2 der Verordnung (EU) Nr. 715/2007 (Grenzwerte zur Abgasnorm) handle.cite-ref-327[327] Im Juni 2017 sprach Dobrindt zum ersten Mal Ăśffentlich von einer âunzulässigen Abschalteinrichtungâ in den Euro-5-Modellen von Audi, worauf ihm der Audi-Vorsitzende Stadler einen âAlleingangâ vorwarf.cite-ref-dobrindt-vs-stadler-282-1[282]
Neben den offiziellen Bekundungen ßbte die Bundesregierung nach Bekanntwerden des VW-Skandals nach Presseangaben Druck auf die EU-Kommission und das EU-Parlament aus, um die gesetzlich vorgeschriebenen Grenzwerte soweit zu schwächen, dass nun auch Autos Zulassungen erhalten, die die zum Zeitpunkt der Entscheidung gßltigen Grenzwerte fßr Schadstoffausstoà um das Doppelte ßbertreffen.cite-ref-328[328]
Im September 2016 verĂśffentlichten der Rechercheverbund des NDR, WDR und der SĂźddeutsche Zeitung umfassende Recherchen zu den BemĂźhungen der Bundesregierung, international Schaden an der Marke made in Germany zu begrenzen. Es wurde stets auf die Trennung der Marke Volkswagen und der abstrakten Marke made in Germany geachtet, die konzerninternen BemĂźhungen um Aufklärung wurden betont und das deutsche Engagement fĂźr realistischere Abgasmessungen auf europäischer Ebene wurde hervorgehoben. Die deutsche Botschaft in den USA betonte zudem gegenĂźber der US-Administration, dass eine Beschädigung des VW-Konzerns ânicht im Interesse der deutsch-amerikanischen Beziehungenâ sei.cite-ref-329[329]
Untersuchungskommission des Bundesverkehrsministeriums
Im September 2015 setzte Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt eine achtkÜpfige Untersuchungskommission unter Leitung von Staatssekretär Michael Odenwald ein und wies das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) am 21. September 2015 an, bei den VW-Dieselmodellen umgehend strenge spezifische Nachprßfungen durch unabhängige Gutachter zu veranlassen. Als unabhängigen Gutachter beauftragte das KBA wiederum die Prßfgesellschaft Dekra. Bis Januar 2016 hatte die Kommission bereits rund 20 Sitzungen abgehalten.
| Person | Amt/Funktion |
|---|---|
| Michael Odenwald (Vorsitz) | Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium |
| Alexander Dobrindt | Bundesverkehrsminister |
| Frank Albrecht | Ministerialrat im Bundesverkehrsministerium (Unterabteilung LA 23 StraĂenverkehrsrecht, Zulassung von Fahrzeugen, GebĂźhrenrecht, Kraftfahrt-Bundesamt) |
| Stephan Redmann | im Bundesverkehrsministerium fĂźr den Bereich StraĂenverkehrs-Zulassungs-Ordnung , frĂźher bei der Bundesanstalt fĂźr StraĂenwesen |
| Guido Zielke | Ministerialdirektor im Bundesverkehrsministerium (Unterabteilung LA 2 StraĂenverkehr) |
| Ekhard Zinke | Präsident des Kraftfahrt-Bundesamtes (KBA) |
| Mark Wummel | Regierungsdirektor im Kraftfahrt-Bundesamt |
| Georg Wachtmeister | Professor und Lehrstuhlinhaber fßr Verbrennungsmotoren an der TU Mßnchen als externer Sachverständiger sowie Geschäftsfßhrer der DERC GmbH in Oberroth |
Landesregierungen
Der niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil (SPD), der kraft Amtes im Aufsichtsrat des VW-Konzerns sitzt, sagte am 21. September: âEine Manipulation von Emissionstests ist vĂśllig inakzeptabel und durch nichts zu rechtfertigen.âcite-ref-welt-146654941-333-0[333] Der Imageschaden fĂźr Volkswagencite-ref-zeit-2015-09-24-334-0[334] und die ganze deutsche Autoindustrie weltweit gilt unter Experten als ernstzunehmende Gefahr.cite-ref-welt-146675525-335-0[335] GegenĂźber der SĂźddeutschen Zeitung äuĂerte sich Weil als VW-Aufsichtsrat am 28. Oktober 2015: âWas wir bei VW sehr schmerzlich feststellen, ist, dass die Bereitschaft, rechtzeitig auch dann auf Fehlentwicklungen aufmerksam zu machen, wenn man sie nicht persĂśnlich zu verantworten hat, nicht ausreichend entwickelt istâ. So sehe Weil groĂen Nachholbedarf bei den Vorstellungen von FĂźhrung, Eigenverantwortlichkeit und Gruppenarbeit.cite-ref-336[336]
Im August 2016 erhob Bayern als erstes Bundesland Klage gegen Volkswagen. Der Pensionsfonds fĂźr die Landesbediensteten hielt im September 2015 rund 58.000 Vorzugsaktien. Durch den Kursverlust im Rahmen des Abgasskandals sei ein Schaden von bis zu 700.000 Euro entstanden, so der bayerische Finanzminister Markus SĂśder (CSU).cite-ref-klage-bayern-norwegen-337-0[337]
Im September 2016 verklagten Hessen und Baden-Wßrttemberg den Konzern. Der hessische Finanzminister Thomas Schäfer (CDU) sprach von Verlusten von bis zu 3,9 Mio. Euro fßr den Pensionsfonds fßr hessische Beamte.cite-ref-klage-hessen-338-0[338] Der Schaden Baden-Wßrttembergs, das 65.000 Aktien hielt, belief sich laut der baden-wßrttembergischen Finanzministerin Edith Sitzmann (Grßne) auf bis zu 400.000 Euro.cite-ref-klage-bawue-339-0[339]
Untersuchungsausschuss des Bundestages
Ende April 2016 beantragten die Bundestagsfraktionen der Linken und BĂźndnis 90/Die GrĂźnen die Einsetzung eines Untersuchungsausschusses zur Aufarbeitung des Abgasskandals.cite-ref-340[340] Am 7. Juli 2016 konstituierte sich der Ausschuss. Er ist der fĂźnfte Untersuchungsausschuss der 18. Legislaturperiode.cite-ref-ua-konst-sitzung-341-0[341] Die Mitglieder sind Veronika Bellmann, Uwe Lagosky, Ulrich Lange und Carsten MĂźller fĂźr die CDU/CSU, Kirsten LĂźhmann und Dirk Wiese fĂźr die SPD. Herbert Behrens von der Linken ist der Ausschussvorsitzende, Oliver Krischer von den GrĂźnen ist stellvertretender Ausschussvorsitzender.cite-ref-342[342] Der Ausschuss soll die technischen HintergrĂźnde der Abweichung von realen Emissionen und jenen auf dem PrĂźfstand und die Kenntnis und Handlungen der Bundesregierung beleuchten sowie gesetzgeberische MaĂnahmen zur Vorbeugung und Verbesserung machen.cite-ref-ua-konst-sitzung-341-1[341]
Ende August stellten Experten Gutachten zu den alten und neuen Testverfahren im Ausschuss vor.cite-ref-343[343] Der Ausschuss fasste auch einen Beweisbeschluss zur juristischen Einordnung der Umsetzung der EU-Abgasvorgaben in Deutschland und zum Verhalten der zuständigen BundesbehÜrden.cite-ref-344[344]cite-ref-345[345] Im Januar 2017 wurde der ehemalige VW-Vorstandsvorsitzende Martin Winterkorn im Ausschuss befragt.cite-ref-winterkorn-ua-265-1[265] Hingegen lehnte der ehemalige VW-Aufsichtsratsvorsitzende Ferdinand PiÍch im Februar 2017 sein Erscheinen vor dem Ausschuss ab.
Städte
Der OberbĂźrgermeister der Stadt Wolfsburg, Klaus Mohrs, reagierte am 28. September 2015 auf den VW-Skandal und die zu erwartenden EinbuĂen bei der Gewerbesteuer mit einer sofortigen Haushaltssperre und einem Einstellungsstopp im Ăśffentlichen Dienst.cite-ref-346[346] Nachfolgend verhängten auch die OberbĂźrgermeister der Städte Braunschweig, Ulrich Markurth (SPD), und Ingolstadt, Christian LĂśsel (CSU), Haushaltssperren.cite-ref-347[347]
Nationales Forum Diesel
Am 2. August 2017 fand ein durch Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt anberaumter âDiesel-Gipfelâ statt, zu dem Bundesminister, Ministerpräsidenten und Vertreter der deutschen Autoindustrie eingeladen wurden.cite-ref-348[348] Umwelt- und Verbraucherschutzverbände waren zu dem Treffen nicht eingeladen.cite-ref-349[349] Ziel des Gipfels war, MaĂnahmen fĂźr einen geringeren SchadstoffausstoĂ von Dieselfahrzeugen auszuloten. Einvernehmlich wurde beschlossen, dass
1. die deutschen Automobilhersteller (BMW, Daimler, Volkswagen) auf deren Kosten Software-Updates fĂźr deren âauf der StraĂeâ befindlichen Dieselfahrzeuge der EU-Abgasnormen 5 und 6 durchfĂźhren,
2. die deutschen Automobilhersteller denjenigen ihrer Kunden, die Dieselfahrzeuge der EU-Abgasnormen 4 oder älter betreiben, Rabatte anbieten werden, wenn sie diese Fahrzeuge verschrotten und stattdessen Diesel-Fahrzeuge der neuesten Generation (EU-Abgasnorm 6) bzw. Fahrzeuge mit Elektroantrieb erwerben,
3. ein Fonds im Volumen von 500 Mio. Euro eingerichtet wird, der neue Mobilitätskonzepte fßr Städte fÜrdern soll, wobei der Fonds hälftig von der Bundesregierung einerseits und den Automobilherstellern andererseits finanziert wird.
Kritisch bewertet wurde der Beschluss von Medien,cite-ref-tagesanzeiger-20170802-7-1[7]cite-ref-350[350] Experten wie Ferdinand DudenhÜffercite-ref-351[351] und Claudia Kemfertcite-ref-352[352] sowie NGOs (etwa dem ADAC, dem BUND und der Deutschen Umwelthilfe).cite-ref-353[353]cite-ref-354[354] Unter anderem wurde bemängelt, dass von den ca. 15 Millionen Dieselfahrzeugen in Deutschland nur die 5,3 Millionen Fahrzeuge der Klassen Euro 5 und Euro 6 ein Software-Update bekommen sollen, ältere Fahrzeuge und Fahrzeuge ausländischer Hersteller hingegen von dem Update ausgenommen seien.cite-ref-355[355] Zudem seien die Software-Updates nicht verpflichtend, sondern freiwillig, und es bestehe wenig Anreiz fßr Betreiber, die Updates auch tatsächlich durchfßhren zu lassen, zumal die notwendigen Schadstoffreduktionen kaum zu erreichen seien. Damit seien die Dieselfahrverbote, die man ursprßnglich vermeiden wollte, zu einem wahrscheinlichen Ausgang geworden.cite-ref-356[356]
Die ZDF-Satiresendung heute-show kommentierte die Veranstaltung folgendermaĂen: âDas ist so, als wĂźrden die Kinder selbst zum Elternabend gehenâ.cite-ref-357[357] Die Berliner Morgenpost beurteilte den Gipfel als âFarceâ und âVerrat am Verbraucherâ.cite-ref-358[358]
Die auf dem âDiesel-Gipfelâ erzielten Ergebnisse in Form von Softwareupdates reichen nach verschiedenen Einschätzungen nicht aus, um Fahrverbote von Dieselfahrzeugen in Städten zu vermeiden.cite-ref-359[359]
Ende November 2017 fand deswegen ein zweiter Dieselgipfel statt. In diesem Zuge sicherte die Bundesregierung insbesondere zu, die Finanzierung ihrer FÜrderprogramme zugunsten der E-Mobilität und eines emissionsarmen Verkehrs als Fonds nachhaltige Mobilität in der Stadt zu verstetigen. Hierzu wßrden jährlich Mittel im Umfang von insgesamt einer Milliarde Euro eingeplant, die anteilig auch von der Automobilindustrie beigesteuert werden sollen.cite-ref-360[360]cite-ref-361[361]
Ende Juli 2018, rund ein Jahr nach dem Dieselgipfel, waren noch keine der angekĂźndigten MaĂnahmen umgesetzt.cite-ref-362[362]
diesel-gipfelIn der Nacht vom 1. zum 2. Oktober 2018 fand erneut ein Dieselgipfel statt. Dabei wurde ausgehandelt, dass Autos der Schadstoffklassen Euro 4 und Euro 5 in Zonen mit Fahrverboten fahren dĂźrfen, wenn sie weniger als 270 Milligramm Stickoxid pro Kilometer ausstoĂen. Bislang liegt die Grenze fĂźr Euro-5-Fahrzeuge bei 180 Milligramm und bei Euro-4-Fahrzeugen bei 250 Milligramm. Demnach sollen Autobesitzer von Euro-4- und Euro-5-Fahrzeugen von sogenannten Umstiegsprämien profitieren kĂśnnen. Autobesitzer von Euro-5-Fahrzeuge in vierzehn âbesonders belasteten Städtenâ (MĂźnchen, Stuttgart, KĂśln, Reutlingen, DĂźren, Hamburg, Limburg, DĂźsseldorf, Kiel, Heilbronn, Backnang, Darmstadt, Bochum und Ludwigsburg) sollen durch Hardware-NachrĂźstungen zur Reduktion des StickoxidausstoĂes beitragen. Opel und BMW teilten indes mit, solche NachrĂźstungen (SCR-System) nicht anbieten zu wollen.cite-ref-363[363] Der SCR-Katalysator zur Senkung der NOx-Emissionen wird in Dieselfahrzeuge fĂźr den US-Markt von BMW serienmäĂig verbaut.cite-ref-364[364]
Strafzahlungen gegen deutsche Autobauer und Zulieferer wegen Aufsichtspflichtverletzungen
In Deutschland wurde Volkswagen in der Dieselaffäre von der Staatsanwaltschaft Braunschweig im Juni 2018 wegen âAufsichtspflichtverletzungenâ (Ordnungswidrigkeit) zu einer Zahlung von einer Milliarde Euro verpflichtet. Diese setzt sich aus dem gesetzlichen HĂśchstbetrag von fĂźnf Millionen Euro GeldbuĂe sowie einer AbschĂśpfung wirtschaftlicher Vorteile in HĂśhe von 995 Millionen Euro zusammen. Volkswagen verzichtet darauf, Rechtsmittel einzulegen âund bekennt sich damit zu seiner Verantwortungâ. Das Geld muss laut Staatsanwaltschaft innerhalb von sechs Wochen an das Land Niedersachsen gezahlt werden (es ist dies die hĂśchste GeldbuĂe, die in Deutschland gegen ein Unternehmen je verhängt wurde).cite-ref-365[365]
Gegen Audi leitete die Staatsanwaltschaft MĂźnchen (II) im August 2017 ein BuĂgeldverfahren ein. Dem Unternehmen wurde vorgeworfen, mit V6- und V8-Dieselmotoren in den Jahren 2004 bis 2018 ânicht den regulatorischen Vorgabenâ entsprochen zu haben. Am 15. Oktober 2018 erklärten Firmenvertreter, dass sich Audi zu seiner Verantwortung fĂźr die mangelnde Aufsicht Ăźber die âOrganisationseinheit Abgas Service / Zulassung Aggregateâ bekenne, dem Bescheid der Staatsanwaltschaft akzeptiere und eine Strafe von 800 Millionen Euro (5 Millionen Euro eigentliche Strafe und 795 Millionen Euro âAbschĂśpfung wirtschaftlicher Vorteileâ) bezahlen werde.cite-ref-366[366]
BMW wurde im Februar 2019 wegen fahrlässiger Aufsichtspflichtverletzung von der Staatsanwaltschaft MĂźnchen (I) zu einer BuĂgeldzahlung von 8,5 Millionen Euro verpflichtet. Da kein Betrug nachgewiesen wurde, fiel die HĂśhe der Strafzahlung im Vergleich zu den anderen Automobilherstellern gering aus.cite-ref-367[367]
Im Mai 2019 wurde gegen Porsche ein BuĂgeld von 535 Millionen Euro und gegen die Robert Bosch GmbH eine Strafzahlung von 90 Millionen Euro, wegen fahrlässiger Verletzung der Aufsichtspflicht im Zuge des Abgasbetrugs, durch die Staatsanwaltschaft Stuttgart verhängt.cite-ref-368[368]cite-ref-369[369]
Gegen die Daimler AG verhängte dieselbe Staatsanwaltschaft im September 2019 eine Strafzahlung in HÜhe von 870 Millionen Euro, ebenfalls wegen Aufsichtspflichtverletzung im Zuge des Betrugs.cite-ref-370[370] Der Betrag setzt sich aus vier Millionen Euro Strafe plus einer sogenannten GewinnabschÜpfung in HÜhe von 866 Millionen Euro zusammen. Daimler kßndigte an, keine Rechtsmittel gegen die Strafe einzulegen.
Im Juli 2020 verhängte die Staatsanwaltschaft Stuttgart zudem eine Strafzahlung in HÜhe von 42,5 Millionen Euro gegen den Automobilzulieferer ZF Friedrichshafen wegen der Verletzung der Aufsichtspflicht in mehreren Fällen.cite-ref-371[371]
GroĂbritannien
Das Department for Transport teilte am 24. September 2015 mit, es werde die Emissionen von Fahrzeugen verschiedener Hersteller nachmessen, um sicherzustellen, dass Ausschaltvorrichtungen nicht industrieweit eingesetzt werden.cite-ref-372[372]
Am 12. Oktober 2015 äuĂerte sich Paul Willis, Vorstandsvorsitzender der Volkswagen Group United Kingdom, im britischen House of Commons zum Abgasskandal und bat âehrlich und uneingeschränktâ um Verzeihung fĂźr die Manipulationen bei den Abgaswerten. In GroĂbritannien sind rund 1,2 Millionen Dieselfahrzeuge betroffen. Von diesen muss bei etwa 400.000 Fahrzeugen die Dieseleinspritzung geändert werden.cite-ref-373[373]cite-ref-374[374]
Am 27. März 2018 begann eine fßr drei Tage angesetzte AnhÜrung vor dem Obersten Gerichtshof (Supreme Court), in der geklärt werden soll, ob sich die mÜglichen Schadenersatzansprßche von VW-Kunden fßr eine Sammelklage eignen.cite-ref-375[375]
Italien
Das italienische Verkehrsministerium leitete ebenfalls Ermittlungen gegen Volkswagen ein. Verkehrsminister Graziano Delrio erklärte am 25. September, rund 1000 landesweit verkaufte Fahrzeuge sollten ßberprßft werden.cite-ref-dp-20150925-376-0[376] Im Mai 2017 wurden Abschalteinrichtungen in Modellen des italienischen Autobauers Fiat aufgedeckt. Die Europäische Kommission leitete kurz darauf ein Verfahren gegen die italienische ZulassungsbehÜrde ein.cite-ref-fiat-22min-122-1[122]
Schweiz
Am 25. September 2015 stellte das Schweizer Bundesamt fĂźr Strassen (ASTRA) in Aussicht, die Typenzulassung fĂźr die betroffenen Fahrzeugmodelle der Marken Audi, Seat, Ĺ koda und Volkswagen der Baujahre 2009 bis 2014 (ausschlieĂlich AusfĂźhrungen Euro 5), die mit Dieselmotoren in den AusfĂźhrungen 1,2 TDI, 1,6 TDI und 2,0 TDI ausgerĂźstet sind, zu entziehen.cite-ref-377[377] Am 28. September 2015 teilte die ASTRA mit, dass die Typengenehmigung der mutmaĂlich betroffenen älteren Fahrzeuge nicht erlischt. Das Augenmerk gelte jetzt den Neufahrzeugen des Volkswagen-Konzerns.cite-ref-378[378]
Kanada
Kanada hat mit einem endgĂźltigen Urteil vom Januar 2020 wegen VerstĂśĂen gegen Umweltgesetze und Importvorschriften bei Diesel-Kfz eine millionenschwere Strafe zu Lasten von VW ausgesprochen. VW wird BuĂen in HĂśhe von 135 Millionen ⏠zahlen, wie die Staatsanwaltschaft in Toronto mitteilte. VW Canada hat sich schuldig bekannt und die Strafe angenommen.cite-ref-379[379]
Indien
Die indische Regierung wies die Automotive Research Association of India an, bei Fahrzeugen der Volkswagengruppe umgehend zu untersuchen, ob sie indische Abgasvorschriften verletzen.cite-ref-380[380]
SĂźdkorea
In SĂźdkorea wurde angeordnet, dass Fahrzeuge von Volkswagen sich einem Abgastest unterziehen mĂźssten.cite-ref-381[381] 2016 wurde die Zulassung fĂźr 80 Modelle des Konzerns zurĂźckgezogen, darunter fielen die Marken VW, Audi und Bentley. Zudem muss die Volkswagen AG eine Strafe von 14,3 Millionen Euro an SĂźdkorea zahlen.cite-ref-382[382]
USA
Am 8. Oktober 2015 musste Michael Horn, Vorstandschef der Volkswagen Group of America seit 2014, vor dem Ausschuss fĂźr Energie und Handel des Kongresses der Vereinigten Staaten unter Eid vor den Abgeordneten aussagen. Horn gab an: âIch hatte keine Kenntnis davon, dass es einen Defeat Device in unseren Autos gab.â In einer vorab verbreiteten Stellungnahme erklärte Horn allerdings, bereits im FrĂźhjahr 2014 von mĂśglichen VerstĂśĂen gegen US-Emissionsregeln erfahren zu haben. Ihm sei auch mitgeteilt worden, dass die Environmental Protection Agency (EPA) Strafen verhängen kĂśnnte. Horn sagte, er sei danach davon ausgegangen, dass die Ingenieure des Konzerns mit der EPA an einer LĂśsung arbeiteten.cite-ref-385[385]cite-ref-386[386] Horn kĂźndigte zudem an, dass Volkswagen den Antrag auf die Zulassung von Dieselfahrzeugen des Modelljahres 2016 mit dem neuen Hilfsgerät Auxiliary Emissions Control Device (AECD) zurĂźckgezogen habe, weil die UmweltbehĂśrden den Einsatz des AECD noch prĂźfen mĂźssten, da unklar sei, ob es sich dabei um ein zulässiges Mittel zur Abgaskontrolle oder um eine weitere Manipulationssoftware handele.cite-ref-387[387]
Am 9. März 2016 trat Horn als Vorstandschef von VW US zurßck. Sein geschäftsfßhrender Nachfolger ist Hinrich Woebcken.cite-ref-ruecktritt-horn-279-1[279]
Norwegen
Der norwegische Staatsfonds Statens pensjonsfond verklagte VW wegen Verlusten aus Aktiengeschäften mit Volkswagen Ăźber hunderte Millionen Euro.cite-ref-klage-bayern-norwegen-337-1[337] Dieser hält als viertgrĂśĂter Anteilseigner 1,64 Prozent der Aktien des Konzerns.cite-ref-klage-statens-pensjonsfond-388-0[388]
Reaktionen aus Wirtschaft und Gesellschaft
⢠Die Europäische Kommission schlug in einer Sitzung mit den EU-Staaten eine Regelung vor, wonach die Autoindustrie nur in einer Ăbergangszeit von 2017 bis 2019 bis zu 60 Prozent von den maximal zulässigen Werten im realen StraĂenverkehr abweichen darf. Ab dem Jahr 2019 soll nur noch eine Fehlertoleranz von 17 Prozent erlaubt sein. Die Kommission hat zwar das Recht, einen Vorschlag zu machen, doch am Ende mĂźssen die EU-Staaten darĂźber befinden.cite-ref-389[389] Ende Oktober 2015 vereinbarten die EU-Mitgliedstaaten, dass fĂźr Stickstoffdioxid-Emissionen im realen StraĂenverkehr in einer Ăbergangszeit von September 2017 bis 2019 eine Abweichung von bis zu 110 Prozent und ab 2020 eine Abweichung von 50 Prozent erlaubt sein soll.cite-ref-390[390]
⢠Zusätzlich forderte die EU unabhängige Fahrzeugkontrollen und die MÜglichkeit, selber Rßckrufe anzuordnen und den Automobilherstellern Strafen von bis zu 30.000 Euro pro Fahrzeug aufzuerlegen, wenn der Mitgliedstaat dies nicht tut. Medien werteten dies als die bisher stärkste Antwort der EU auf das Eingeständnis der Manipulation der Abgasmessungen durch VW.cite-ref-391[391]cite-ref-392[392]
⢠Eine wissenschaftliche Studie des Massachusetts Institute of Technology (MIT), verÜffentlicht am 29. Oktober 2015 in der Fachzeitschrift Environmental Research Letters, kam zu dem Ergebnis, dass durch die von 2008 bis 2015 infolge der Manipulationen von rund 482.000 Dieselfahrzeugen des Volkswagen-Konzerns erhÜhte Schadstoffbelastung in den USA 59 Personen vorzeitig versterben werden, 31 Fälle einer mÜglichen chronischen Bronchitis auftreten und soziale Kosten in HÜhe von 450 Millionen US-Dollar anfallen. Falls Volkswagen bis Ende 2016 alle Fahrzeuge zurßckziehen wßrde, kÜnnten ca. 130 weitere vorzeitige Todesfälle vermieden werden.cite-ref-393[393]cite-ref-394[394]
⢠Peter Mock, Europachef und Managing Director in Deutschland des International Councils on Clean Transportation (ICCT) erklärte gegenĂźber manager-magazin.de: âEin grĂśĂerer Filter beim Jetta hätte kaum Zusatzkosten verursachtâ. Dabei sei mit Mehrkosten ab 100 Euro pro Fahrzeug zu rechnen. âTechnisch ist es kein Problem, die Emissionsstandards einzuhaltenâ, so Mock.cite-ref-395[395]
⢠Kritiker wiesen zudem darauf hin, dass sich fĂźhrende Politiker regelmäĂig gegen Schadstoffbegrenzungen auf EU-Ebene ausgesprochen hätten, um die deutsche Automobilwirtschaft zu schĂźtzen. So sagte etwa Angela Merkel auf einer Tagung des Bundesverbands der Deutschen Industrie im Jahr 2007, sie werde âmit aller Kraft, die ich habeâ gegen strengere Abgaswerte in der EU vorgehen.cite-ref-396[396]cite-ref-397[397]
⢠Der Bundesverband Erneuerbare Energie erklärte: âDie Automobilindustrie made in Germany kann ihre GlaubwĂźrdigkeit nur zurĂźckgewinnen, wenn sie konsequent auf Umwelt- und Klimaschutz setzt. Bislang haben Kunden weltweit Innovation und Klimaschutz mit deutschen Produkten verbunden. Asiatische Autohersteller befinden sich jetzt auf der Ăberholspur. [âŚ] Elektroautos haben keinen Auspuff und kĂśnnen keine Schadstoffe ausstoĂen. Wirklich sauber sind sie jedoch nur, wenn sie vollständig mit Strom aus sauberen Energiequellen betrieben werden.âcite-ref-398[398]
⢠Der ehemalige Präsident des Ifo Instituts fĂźr Wirtschaftsforschung, Hans-Werner Sinn, nahm VW in Schutz und griff die US-Automobilhersteller scharf an, die seiner Meinung nach Ăźber Jahrzehnte versucht hätten, âdie kleinen und effizienten Dieselmotoren fĂźr Pkw durch immer weiter verschärfte Stickoxid-Grenzen vom Markt fernzuhalten, weil man selbst die Technologie nicht beherrschte.â Auf der anderen Seite habe man gegen die âStickoxid-Schleuderei der eigenen Trucksâ nichts unternommen.cite-ref-hb-12370064-399-0[399]
⢠Der KĂślner Professor Axel Ockenfels und der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Peter Cramton wiesen darauf hin, Volkswagen kĂśnne einen Verzicht auf den AusstoĂ von Stickoxid käuflich erwerben und so Wiedergutmachung leisten: âWenn es Volkswagen ernst damit meint, den angerichteten Umweltschaden zu beheben, dann stehen moderne Marktmechanismen bereit, um die entsprechende Emissionsvermeidung auch zu erreichenâ, glauben Ockenfels und Cramton. âDer Volkswagen-Konzern wĂźrde, soweit er nicht selbst schnell und effizient Schadstoffe vermeiden kann, andere dafĂźr entlohnen, dass sie den AusstoĂ einer bestimmen Schadstoffmenge reduzieren. Der Konzern kĂśnnte dabei genau die Emissionsvermeidung einkaufen, die nĂśtig ist, um die exzessiven Emissionen der manipulierten Diesel auszugleichen.âcite-ref-400[400]
⢠Ferdinand DudenhĂśffer, Inhaber des Lehrstuhls fĂźr Allgemeine Betriebswirtschaftslehre und Automobilwirtschaft an der Universität Duisburg-Essen, konstatiert, es sei schlicht undenkbar, dass sich Spitzenmanager Ăźber den millionenfachen Betrug im Unklaren waren: âDas Problem liegt also weder typischerweise in der Autobranche noch bei Dieselmotoren. Die Ethik bei VW hat versagt. Daher braucht es einen Anfang von auĂen.âcite-ref-401[401]
⢠Gregor Hackmack, vertretungsberechtigter Vorstand der Nichtregierungsorganisation Parlamentwatch e. V., sah im VW-Abgasskandal eine âZustandsbeschreibung unseres politischen Systemsâ. Hackmack kritisierte die aus seiner Sicht enge Verwebung zwischen Automobilindustrie und Politik, die er zum einen an Politikern, die nach ihrer politischen Karriere in die Wirtschaft wechseln (oder umgekehrt), zum anderen an der MĂśglichkeit von Geldspenden von Unternehmen an Parteien festmacht.cite-ref-402[402]
⢠Renault-Nissan-Chef Carlos Ghosn wies darauf hin, der Vorfall bei VW bringe neue Vertrauensprobleme fĂźr die Hersteller. Seiner Ansicht nach dĂźrfe es schwierig sein, die Manipulation von Abgaswerten firmenintern geheim zu halten. âIch glaube nicht, dass man so etwas verbergen kannâ.cite-ref-mm20150923-259-1[259]
⢠Daimler-Chef Dieter Zetsche: âWir halten uns grundsätzlich an die gesetzlichen Vorgaben und haben keinerlei Manipulationen an unseren Fahrzeugen vorgenommenâ. Zetsche wies den Verdacht zurĂźck, dass alle Automobilhersteller eine âAnsammlung von BetrĂźgernâ seien.cite-ref-403[403]
⢠Elon Musk, CEO von Tesla, Inc.: âWir haben die physikalischen Grenzen erreicht, es ist kaum noch Raum fĂźr Verbesserungen. Die VW-Ingenieure dĂźrften unter massivem Druck gestanden haben und sind an die Grenze dessen gestoĂen, was mĂśglich ist. Tricksen war wohl die einzige MĂśglichkeitâ.cite-ref-404[404]
⢠Der belgische Fahrzeugimporteur DâIeteren verhängte fĂźr 3200 VW-Dieselfahrzeuge zunächst einen Verkaufsstopp.cite-ref-405[405]
⢠Der niederländische Importeur Pon Dealer gab am 28. September 2015 einen vorsorglichen Verkaufsstopp fßr 4100 Dieselfahrzeuge der Marken Volkswagen, Audi, Seat und Škoda bekannt.cite-ref-408[408]
⢠Markus Reiterer, technischer GeschäftsfĂźhrer des Chiptuning-Unternehmens Digi-Tec intecno GmbH, erklärte gegenĂźber welt.de: âBei allen aktuellen Motoren ist es so, dass sie die Verbrauchs- und Abgasvorgaben nur unter ganz bestimmten Umständen einhalten â im Alltagsbetrieb ist das illusorisch. [âŚ] Viele Chiptuner bieten unter der Hand an, die Abgas-Reinigungssysteme ganz zu deaktivieren â und sehr viele Kunden fragen genau danach.âcite-ref-welt-146898217-409-0[409]
⢠Die Reaktionen zu Volkswagen sind gespalten. Einige sehen in der Manipulation einen ganz klaren Betrug. Es gibt jedoch auch diejenigen, die der Ansicht sind, man solle einen solchen Betrug nicht zur Staatsaffäre erklären.cite-ref-410[410] Zu US-Skandalen wie beispielsweise bei General Motors, die eine allgegenwärtige Gefahr fßr Leib und Leben dargestellt haben, stßnde die Manipulation bei VW in keiner Relation.
⢠Im Rahmen der Vergabe der Auszeichnung Das Goldene Lenkrad wurde 2015 der Preis fßr Das grßne Lenkrad aufgrund dieser Affäre nicht vergeben.cite-ref-411[411]
⢠2016 wurde Volkswagen der satirisch konnotierte Ig-Nobelpreis in der Kategorie Chemie verliehen fßr die LÜsung des Problems von erhÜhtem Ausstoà von Schadstoffen bei Fahrzeugen durch automatische, elektromechanische Erzeugung von geringeren Emissionen, wenn die Fahrzeuge getestet werden.cite-ref-412[412]
⢠2017 hat Volvo als erster Hersteller das Ende des Selbstzßnders angekßndigt. Die aktuelle Generation von Dieselmotoren soll noch weiterentwickelt werden. Jedoch werde Volvo keine neue Generation von Dieselmotoren entwickeln, der finanzielle Aufwand sei zu hoch.cite-ref-spon-1148035-413-0[413]
⢠Im September 2017 kßndigte der Vorstandsvorsitzende Bernhard Maier an, dass der Škoda Fabia ab 2018 nicht mehr mit Dieselmotoren angeboten werden wird. Hintergrund sind die erwarteten, steigenden Kosten fßr eine (manipulationsfreie) Abgasbehandlung (rund 1.000 Euro je Fahrzeug) und die schwierige Durchsetzbarkeit von PreiserhÜhungen bei Kleinwagen.cite-ref-414[414]
Folgen an den Finanzmärkten
Die im DAX notierten Vorzugsaktien des Unternehmens verloren am ersten Handelstag nach dem Bekanntwerden des Skandals in der Spitze Ăźber 20 % ihres Wertes. Zusammen mit den Stammaktien, deren Verluste in der gleichen GrĂśĂenordnung lagen, entsprach dies einem Minus der Marktkapitalisierung von 15,8 Mrd. âŹ.cite-ref-welt-146646993-416-0[416] Zum Handelsschluss am Montag, dem 21. September, waren es 18,6 %.cite-ref-focus-4963631-73-2[73]
Nach der Bekanntgabe der RĂźckstellungen fĂźr die Abgasaffäre, verbunden mit einer Gewinnwarnung, und dem Eingeständnis, dass die betreffende Software in ca. elf Mio. Fahrzeugen im Einsatz ist, sank der Kurs der VW-Vorzugsaktie am nächsten Tag innerhalb einer Stunde um etwa 20 %cite-ref-hb-12351852-417-0[417] auf das tiefste Niveau seit Oktober 2011 ab.cite-ref-418[418] Der Kursverlust summierte sich in diesen zwei Handelstagen auf 34,4 %,cite-ref-faz-13817994-419-0[419] bezogen auf die offiziellen Xetra-Schlusskurse (17:45 Uhr) fiel der Wert der VW-Vorzugsaktie vom 18. September (Freitag) bis zum 22. September 2015 (Dienstag) von 161,65 Euro auf 106,00 Euro. Der Abwärtstrend setzte sich â unterbrochen von kurzzeitigen Erholungsphasen â auch in den folgenden Tagen fort. Ihren vorläufig niedrigsten Kursstand während der Krise erreichte die Vorzugsaktie am Vormittag des 5. Oktober mit 86,36 Euro kurz nach Handelsbeginn.
Am 12. Oktober 2015 senkte die Ratingagentur Standard & Poorâs infolge des Abgasskandals die KreditwĂźrdigkeit von Volkswagen von A auf A- und schloss weitere Herabstufungen nicht aus.cite-ref-420[420] Am 4. November 2015 folgte die US-Ratingagentur Moodyâs mit einer Herabstufung der KreditwĂźrdigkeit um eine Stufe von A2 auf A3cite-ref-421[421] und am 10. November 2015 Fitch Ratings mit einer Senkung von A auf BBB+.cite-ref-422[422]
Haftungsfragen und Rechtsposition der Käufer in Deutschland
Zu einem Rßckruf war VW zunächst nicht verpflichtet und konnte freiwillig handeln, da der Mangel nicht die Sicherheit der Autos gefährdet. Durch den amtlichen Rßckruf des Kraftfahrt-Bundesamtes (KBA) genßgt eine freiwillige Reparatur nicht. Volkswagen ist somit verpflichtet, die Fahrzeuge nachzubessern. Allerdings gelten die Rßckruf-Bescheide nicht gegenßber den PKW-Haltern bzw. -Eigentßmern, da diese nicht einmal Drittbetroffene der KBA-Bescheide sind.cite-ref-423[423] Insofern geht der Rßckruf ins Leere, wenn sich der Halter daran nicht freiwillig beteiligt. VW hat keine MÜglichkeit, die Autobesitzer zur Teilnahme zu verpflichten, dies kÜnnte nur eine BehÜrde.
In Deutschland sind rund 2,4 Millionen Fahrzeuge der Automarken VW, Audi, Seat und Škoda betroffen. Die Fahrzeugbesitzer haben gegebenenfalls auch Ansprßche aus Gewährleistung oder Schadenersatz. Allerdings nicht gegen den VW-Konzern, sondern gegen ihren Vertragspartner, den Fahrzeughändler, dem man vermutlich keine Arglist unterstellen kann. Bei Neufahrzeugen beträgt die Verjährungsfrist in der Sachmängelhaftung dann zwei Jahre (bei Arglist wären es drei Jahre). Wegen einer vom Bundesgerichtshof (Urteil vom 29. April 2015, Aktenzeichen VIII ZR 104/14) fßr unwirksam erklärten Verjährungsverkßrzungsklausel im Gebrauchtwagenhandel dßrfte die Sachmängelhaftung auch beim Gebrauchtwagenkauf durch Privatpersonen vom Händler ebenfalls in vielen Fällen zwei Jahre betragen. Auch kÜnnte es schwierig werden, eine konkrete finanzielle Schädigung zu beziffern und nachzuweisen. Sammelklagen und die sogenannten Punitive damages (Strafschadenersatz) gibt es im deutschen Recht nicht.cite-ref-424[424]
Den Wertverlust des Dieselfahrzeugs, wenn durch die NachrĂźstung der technischen Voraussetzung zur Einhaltung der Abgasgrenzwerte der Verbrauch steigt und die Leistung sinkt, kĂśnnte eine Minderung des Kaufpreises um zehn Prozent oder mehr ausmachen und wird hĂśchstwahrscheinlich im Einzelfall vor Gericht entschieden. Das Landgericht Kempten sieht als erstes Gericht eine Wertminderung von 10 Prozent aufgrund des Skandals bei einem VW Tiguan.cite-ref-425[425]
Die mÜglichen zivilrechtlichen Ansprßche betroffener Verbraucher gegenßber dem Hersteller oder den Verkäufern sind Gegenstand erster summarischer Gutachten. Eine Studie der Wissenschaftlichen Dienste des Deutschen Bundestages (WD) im Auftrag der Fraktion von Bßndnis 90/Die Grßnen geht davon aus, dass neben Gewährleistungsansprßchen gegenßber den Verkäufern unter Umständen auch Schadenersatzansprßche direkt gegenßber dem Hersteller gegeben sein kÜnnten.cite-ref-426[426] Ein im Auftrag des Verbraucherzentrale Bundesverbandes (vzbv) erstelltes Rechtsgutachten kommt zu ähnlichen Ergebnissen.cite-ref-427[427] Zur drohenden Verjährung hat die Volkswagen AG Medienberichten zufolge erste Erklärungen abgegeben, bis zum 31. Dezember 2016 auf die Erhebung der Verjährungseinrede im Hinblick auf etwaige Sachmängelhaftungsansprßche wegen der genannten Software zu verzichten, soweit mÜgliche Ansprßche bisher noch nicht verjährt sind.cite-ref-428[428]
Neben der zivilrechtlichen Seite, bei der Käufer versuchen, AnsprĂźche gegen Hersteller und Verkäufer der betroffenen Fahrzeuge geltend zu machen, steht auch eine verkehrsverwaltungsrechtliche. Gegen die Aufforderung des Kraftfahrt-Bundesamtes, die Softwareupdates vornehmen zu lassen, haben sich einige Käufer gewehrt, da sie einen Mehrverbrauch und einen hĂśheren VerschleiĂ ihrer Fahrzeuge befĂźrchten. Das OVG MĂźnster hat am 17. August 2018 durch zwei BeschlĂźsse entschieden, dass die Halter dieser Fahrzeuge verpflichtet werden kĂśnnen, die Softwareupdates an ihren Fahrzeugen durchzufĂźhren. Das OVG MĂźnster begrĂźndet das mit dem Erfordernis einer gleichmäĂigen Anwendung, um einen wirksamen Emissionsschutz durchzusetzen. Hinsichtlich der Sicherung der Beweise zur Geltendmachung der zivilrechtlichen AnsprĂźche werden die Käufer auf die MĂśglichkeit verwiesen, vor dem Update ein selbständiges Beweisverfahren durchzufĂźhren.cite-ref-429[429]
Juristische Auseinandersetzungen
Klagen in den USA
In den Vereinigten Staaten war zunächst die Gesamt-Schadenssumme fĂźr Volkswagen nicht abzusehen. Volkswagen selbst ging anfänglich von etwa 7â8 Milliarden US$ Folgekosten aus, jedoch wurde auch Ăźber deutlich hĂśhere Summen spekuliert.cite-ref-spon-1063989-430-0[430]
Das Justizministerium der Vereinigten Staaten reichte am 4. Januar 2016 eine Zivilklage in Detroit gegen Volkswagen AG, Audi AG, Volkswagen Group of America Inc., Volkswagen Group of America Chattanooga Operations LLC, Porsche AG und Porsche Cars North America Inc. auf Zahlung von 46 Milliarden US$ Schadenersatz ein.cite-ref-431[431]cite-ref-432[432]
Im April 2016 erhÜhte Volkswagen seine Schätzung fßr die zu erwartenden Kosten auf etwa 18 Milliarden US$ (16,2 Milliarden EUR).cite-ref-433[433] Am 21. April 2016 wurde bekannt, dass Volkswagen mit den AufsichtsbehÜrden und privaten Klägern in den Vereinigten Staaten eine grundsätzliche Einigung erzielt hatte.cite-ref-bbc210416-434-0[434] Demnach verpflichtete sich die Firma, ein Rßckkaufangebot fßr die etwa 475.000 2,0-Liter-Diesel-Wagen in den Vereinigten Staaten zu unterbreiten, zusätzlich Zahlungen an einen Umwelt-Fonds leisten und andere Mittel zur FÜrderung von umweltfreundlichen Automobil-Technologien bereitzustellen. Diese Einigung betraf nur die USA und nur 2,0-Liter-Diesel-Pkw. Die Gesamtkosten fßr Volkswagen wurden auf etwa 15 Milliarden US$ taxiert.
Einzelne Analysten schätzten die weltweit wegen des Abgasskandals auf VW zukommenden direkten Kosten danach auf etwa 32 Milliarden USD (28 Milliarden EUR).cite-ref-bbc210416-434-1[434]
Am 20. Dezember 2016 erzielte Volkswagen eine Einigung Ăźber die 80.000 VW-, Audi- und Porsche-Fahrzeuge mit 3-Liter-Dieselmotoren. Die EigentĂźmer dieser Wagen der Baureihen 2009 bis 2016 erhielten eine âsubstanzielle Entschädigungâ zugesagt. Die Kosten fĂźr Volkswagen wurden auf etwa 1 Milliarde US$ geschätzt.cite-ref-435[435]
Am 10. Januar 2017 wurde eine Einigung von Volkswagen mit den US-AufsichtsbehĂśrden bekannt. Demnach soll Volkswagen 4,3 Milliarden US$ Strafen an die US-BehĂśrden bezahlen. Die Folgekosten Ăźberstiegen somit die ursprĂźnglich von Volkswagen veranschlagte Summe. Analysten bewerteten dies trotzdem als gute Nachricht fĂźr Volkswagen, da endlich die juristischen Risiken beseitigt worden seien.cite-ref-436[436]
Klagen in Deutschland
Bei den Rechtsverfahren in Deutschland sind die strafrechtlichen Ermittlungsverfahren von den zivilrechtlichen Auseinandersetzungen zunächst zu trennen. Die zivilrechtlichen Klagen unterteilen sich in die der Anteilseigner an den Autoherstellern die ihre AnsprĂźche auf kapitalanlagerechtliche Vorschriften stĂźtzen und der Autokäufer mit AnsprĂźchen aus dem Verkehrszivilrecht. Die verkehrszivilrechtlichen AnsprĂźche werden Ăźblicherweise auf die Sachmangelhaftung im Kaufrecht (§§ 437ff BGB) und aus unerlaubter Handlung (§ 826 BGB, § 823 Abs. 2 BGB i. V. m. § 263 StGB) gestĂźtzt. Verklagt werden dabei nicht nur die Autohersteller, sondern teilweise auch die Autohändler. Soweit es sich um Fahrzeuge von Tochterunternehmen des VW-Konzern handelt (z. B. Skoda, Audi, Seat, âŚ) halten zumindest manche Gerichte auch die Volkswagen AG fĂźr die richtige Beklagte, weil die streitgegenständlichen Motoren von der Volkswagen AG entwickelt und gebaut wurden.
Die Rechtsschutzversicherer haben laut des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft bis einschlieĂlich Oktober 2021 insgesamt 1,2 Milliarden Euro fĂźr Verfahrenskosten im Dieselskandal bezahlt. Bis Oktober 2021 nahmen rund 380.000 Kunden ihre Rechtsschutzversicherung im Streit mit Autoherstellern im Zusammenhang mit dem Dieselskandal in Anspruch. Der Gesamtstreitwert aller Ăźber die Rechtsschutzversicherer abgewickelten Diesel-Rechtsschutzfälle in Deutschland lag bis einschlieĂlich Oktober 2021 bei etwa 9,8 Milliarden Euro. Der durchschnittliche Streitwert pro Diesel-Rechtsschutzfall steigerte sich zu Beginn des Skandals von Anfangs 22.500 Euro auf rund 26.000 Euro im Jahr 2021.cite-ref-437[437]
Chronologie
⢠Anfang Oktober 2015 wurde gegen Volkswagen die erste Schadenersatzklage aus Deutschland erhoben. Es klagt ein in Deutschland lebender Anleger, der 20.000 Euro Ersatz fßr die erlittenen Kursverluste fordert.cite-ref-438[438]cite-ref-439[439] Am 8. März 2017 hat das Oberlandesgericht Braunschweig in dem KapMuG-Verfahren unter dem Aktenzeichen 3 Kap 1/16 die DEKA Investment GmbH zur Musterklägerin bestimmt. Damit läuft in Braunschweig ein Musterverfahren, in dem geklärt wird, ob Anlegern Schadenersatz zusteht.cite-ref-440[440]
⢠Ebenfalls Anfang Oktober 2015 reichte eine Bochumer VW-Diesel-Käuferin Schadenersatzklage gegen VW beim Landgericht Braunschweig ein. Die Klage wurde damit begrßndet, dass bei der Kaufentscheidung Umweltfreundlichkeit von besonderer Bedeutung gewesen sei und nach der nun notwendigen Umrßstung sich die Leistungswerte des Fahrzeugs verschlechtern wßrden.cite-ref-441[441]
⢠Im April 2016 reichte eine Wßrzburger Kanzlei Klagen fßr zwei betroffene Kfz-Halter ein. Weitere rund 50 Klagen auf Schadenersatz oder Rßckabwicklung des Kaufvertrags waren nach Angaben der Kanzlei bis Ende des Jahres 2016[veraltet] geplant.cite-ref-442[442]
⢠Seit Juli 2016 laufen die ersten Klageverfahren gegen die Volkswagen Bank. Die Verbraucher werfen der Bank vor eine fehlerhafte Widerrufsbelehrung verwendet zu haben.cite-ref-443[443]
⢠Ein Leverkusener Lungenarzt stellte im Sommer 2016 Strafanzeige wegen gemeingefährlicher Vergiftung und gewerbsmäĂigen Bandenbetrugs, Luftverunreinigung und schwerer KĂśrperverletzung gegen die Verantwortlichen im VW-Konzern.cite-ref-444[444] Die Staatsanwaltschaft Braunschweig bestätigte am 19. November 2016 den Eingang der Anzeige.cite-ref-445[445]
⢠Das verbraucherfreundlichste Urteil hat das Landgericht Detmold erlassen. Der Verbraucher hat einen Anspruch auf Neulieferung ohne Nutzungsentschädigung bezahlen zu mßssen.cite-ref-448[448] Auch die Landgerichte Zwickau,cite-ref-449[449] Offenburg,cite-ref-450[450] Regensburgcite-ref-451[451] und Arnsbergcite-ref-452[452] haben den Klägern zwischenzeitlich Neulieferungen zugesprochen, meist ohne die Zahlung einer Nutzungsentschädigung.
⢠Die Verbraucherschutzplattform myRight fĂźhrt einen Zusammenschluss von weit Ăźber 10.000 Verbrauchern in Deutschland und Ăsterreich gegen VW an, bei der die Kläger statt Anwalts- und Gerichtskosten nur bei Erfolg der Klage einen Teil des Gewinns zur Kostendeckung abgeben.cite-ref-453[453]cite-ref-test-de-454-0[454]cite-ref-455[455] Das Verfahren von myRight ist das einzige Verfahren in Deutschland, bei dem sich die betroffenen Autofahrer online ohne Kostenrisiken beteiligen kĂśnnen. Es gilt daher laut Stiftung Warentest fĂźr Verbraucher als besonders geeignet.cite-ref-test-de-454-1[454] Es sind jedoch einigen Rechtswissenschaftlern zufolge auch Kostenrisiken und Unwägbarkeiten dieses Sammelverfahrens zu beachten, die fĂźr die Geschädigten in das Unermessliche gehen kĂśnnten. Es wird daher auch vor diesem Modell gewarnt.cite-ref-456[456] Die Kanzlei des amerikanischen Anwalts Michael Hausfeld vertritt die Verbraucher.cite-ref-457[457] Hausfeld hatte bereits den Vergleich mit VW in den USA ausgehandelt.cite-ref-458[458]
⢠Im April 2017 entschied dann zum ersten Mal ein Oberlandesgericht im VW-Abgasskandal. Nachdem zunächst das Landgericht Traunstein eine Klage bezßglich eines Rßcktritts abgewiesen hatte, bezahlte in der Berufungsinstanz der Händler die Forderung des Geschädigten. Das Oberlandesgericht Mßnchen, 3 U 4316/16 hatte danach nur noch ßber die Kosten des Verfahrens zu entscheiden. Es bßrdete dem Händler die Kosten des Verfahrens auf. Das OLG Mßnchen teilte mit, dass das manipulierte Fahrzeug mangelhaft ist. In aller Deutlichkeit teilte das Oberlandesgericht mit, dass das Urteil des Landgerichts Traunstein in dieser Form nicht bestehen geblieben wäre, weshalb die Kosten vom Händler zu tragen sind. Der Händler mßsse sich bei der Nachbesserung das Verhalten von VW zurechnen lassen. Es ist in der Hauptsache die erste oberlandesgerichtliche Entscheidung bundesweit.cite-ref-461[461]
⢠Stiftung Warentest berichtet laufend ßber die Verfahren und stellt eine Liste der verbraucherfreundlichen Urteile zur Verfßgung.cite-ref-462[462]
⢠Im Februar 2017 reichte die Fischmanufaktur Deutsche See als erster deutscher GroĂkunde eine Klage in HĂśhe von 11,9 Mio. Euro gegen VW ein.cite-ref-463[463] Die Klage wurde am 27. Oktober 2017 erstinstanzlich vom Landgericht Braunschweig abgewiesen. Gegen dieses Urteil legte die Deutsche See zunächst Berufung ein, zog diese jedoch im Januar 2018 zurĂźck.cite-ref-464[464]
⢠Ende Juli 2017 entschied das Verwaltungsgericht Stuttgart, dass die Luftverschmutzung Stuttgarts mit Hilfe von Fahrverboten eingedämmt werden mĂźsse. Bislang seitens der Automobilhersteller geplante NachrĂźstungen reichten dazu nicht aus, da sie nicht effektiv genug seien.cite-ref-465[465] Wegen der âgrundsätzlichen Bedeutung der Sacheâ lieĂ das Gericht Berufung bzw. Revision zu.cite-ref-466[466]
⢠Ende Juli 2017 reichte der Bund fßr Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) bei den Staatsanwaltschaften in Berlin, Stuttgart, Mßnchen und Hamburg Strafanzeigen ein: wegen des Verdachts der vorsätzlichen Luftverunreinigung durch Stickoxid-Emissionen aus Diesel-Fahrzeugen. Die Strafanzeigen richteten sich gegen Vorstände und leitende Mitarbeiter bei Volkswagen, Porsche, Audi, Daimler und BMW, wie die Organisation mitteilte. Die Verantwortlichen der Autokonzerne hätten hohe Gesundheits- und Umweltbelastungen zu verantworten.cite-ref-467[467]
⢠Am 27. Februar 2018 wurde das Diesel-Urteil gesprochen.
⢠Im August 2018 wurde bekannt, dass die bayerische Justiz die Durchfßhrbarkeit von Beugehaft gegen Mitglieder der bayerischen Landesregierung prßft. Hintergrund ist, dass die bayerische Regierung generell die MÜglichkeit von Fahrverboten zur Einhaltung der Stickoxid-Grenzwerte verweigert. Zuvor hatten Gerichte geurteilt, dass die MÜglichkeit von Fahrverboten bestehen mßsse und der Landesregierung fßr die Umsetzung eine Frist bis Ende 2017 gesetzt. Diese lieà die Regierung bisher verstreichen. Auch nach der Verordnung von Zwangsgeldern blieb die Regierung bei der Weigerung, die gerichtlichen Beschlßsse umzusetzen. Betroffen von der Beugehaft kÜnnten Minister wie Umweltminister Marcel Huber oder auch Ministerpräsident Markus SÜder sein.cite-ref-468[468]
⢠diesel-fahrverbote-in-berlin Das Verwaltungsgericht Berlin urteilte am 9. Oktober 2018 nach einer Klage der Deutschen Umwelthilfe (DUH) gegen die Senatsverwaltung fĂźr Umwelt, Verkehr und Klimaschutz, dass der bisherige Luftreinhalteplan 2011â2017 fĂźr Berlin bis spätestens 31. März 2019 so fortzuschreiben sei, dass dieser die erforderlichen MaĂnahmen zur schnellstmĂśglichen Einhaltung des seit 2010 geltenden Grenzwertes fĂźr Stickstoffdioxid (NO2)-Konzentrationen von 40 Âľg/mÂł im Stadtgebiet Berlin enthält. Kraftfahrzeuge mit Dieselmotoren der Abgasnormen Euro 1 bis Euro 5 sind in 11 besonders stark belastenden StraĂenabschnitten von einem Fahrverbot betroffen. Darunter fĂźr Teile der Leipziger StraĂe, der FriedrichstraĂe, die ReinhardtstraĂe, BrĂźckenstraĂe, Kapweg, StromstraĂe, LeonorenstraĂe und die StraĂe Alt-Moabit. Um die Luft zu verbessern, wollte die DUH Fahrverbote fĂźr ältere Diesel innerhalb des Berliner S-Bahn-Rings und auf einigen weiteren StraĂen erwirken.cite-ref-469[469]cite-ref-470[470]cite-ref-471[471] Berlin muss bis Ende Juni 2019 Diesel-Fahrverbote in mindestens elf StraĂenabschnitten umgesetzt haben.cite-ref-472[472]
⢠Im Juni 2019 unterlag Volkswagen am Oberlandesgericht Koblenz gegen einen Käufer und kßndigte den Weg zum Bundesgerichtshof an.cite-ref-473[473]cite-ref-474[474]
⢠Das Landgericht Dßsseldorf entschied im August 2019, dass die Abgasreinigung nach dem Update unzureichend gewesen sei.cite-ref-475[475]
⢠Ende August 2019 gab es laut Angaben von Volkswagen noch 62.000 offene Klagen von Käufern an deutschen Zivilgerichten, 38.000 Urteile habe es bereits gegeben. Am Oberlandesgericht KÜln machten VW-Fälle 38 Prozent aller Berufungsverfahren aus, am OLG Hamm 42 Prozent, am OLG Dßsseldorf gut 33 Prozent (1480 Verfahren, davon 600 anderweitig beigelegt, einen Beschluss gibt es noch nicht).cite-ref-476[476]
⢠Das Verfahren um die Musterfeststellungsklage von ßber 450.000 Klägern vor dem Oberlandesgericht Braunschweig hat am 30. September 2019 begonnen.cite-ref-477[477] Im August 2019 fßllten 67.000 Seiten die Ordner.cite-ref-478[478]
⢠Bei der VW-Musterfeststellungsklage verständigten sich im April 2020 Volkswagen und der Bundesverband der Verbraucherzentralen (VZBV) mit einem Vergleich, bevor der Bundesgerichtshof (BGH) im Mai 2020 zum Dieselskandal entschied.cite-ref-479[479]cite-ref-spiegel-bgh-schadenersatz-480-0[480] 200.000cite-ref-tagesschau-vergleich-107-481-0[481] bis 260.000 Geschädigte, die ein Auto bis zum 31. Dezember 2015 gekauft und sich der Musterfeststellungsklage des VZBV angeschlossen hatten, bekommen, sofern sie sich auf den Vergleich einlassen, 15 Prozent des ursprßnglichen Kaufpreises zurßckerstattet.cite-ref-spiegel-vergleich-482-0[482] Je nach Fahrzeugtyp und Modelljahr sind dies zwischen 1350 und 6257 Euro. Etwaige Ansprßche, die durch einen Entzug der Betriebserlaubnis der Autos oder angebotenen Hardwarenachrßstungen entstehen, bleiben ungerßhrt.cite-ref-spiegel-vergleich-482-1[482] Wer sein Auto oder seinen Wohnsitz zum Zeitpunkt des Kaufs nicht in Deutschland hatte, ist von dem Angebot ausgenommen.cite-ref-spiegel-vergleich-482-2[482] Mehr als 240.000 Verbraucher haben den Vergleich akzeptiert. VW musste dafßr einen Gesamtbetrag von etwa 750 Millionen Euro ausschßtten.cite-ref-483[483]
⢠Der Bundesgerichtshof urteilte am 20. Juli 2021, dass Verbraucher auch dann Anspruch auf Schadensersatz von VW haben, wenn sie ihr Fahrzeug bereits verkauft haben (Az. I ZR 533/20 und 575/20).cite-ref-484[484]
Argumentation der Prozessbeteiligten in den VW-Prozessen
sachmangelDie juristische Kernfrage der rechtlichen Auseinandersetzung war, ob die ursprĂźngliche Abgaseinrichtung auch nach einem erfolgten Update noch ein Sachmangel im Sinne von § 434 BGB ist. Teilweise wurde vertreten, dass ein Sachmangel vorgelegen habe, weil 1. ein Entzug der Zulassung zum StraĂenverkehr durch das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) nach § 19 StraĂenverkehrs-Zulassungs-Ordnung (StVZO) drohe, 2. ein erhĂśhter Verbrauch vorliege und 3. zudem Langzeitschäden durch das Softwareupdate zu befĂźrchten seien. Diese Umstände wirkten erheblich wertmindernd auf den Wiederverkaufswert ein. Mit diesen Abweichungen der tatsächlichen Eigenschaften des Fahrzeugs von ihrem Soll, läge bereits ein Schaden fĂźr den Käufer vor, weil er einen von ihm ungewollten Kaufvertrag geschlossen habe, den er bei Kenntnis der tatsächlichen Eigenschaften des Fahrzeugs nicht geschlossen hätte. Die Gegenansicht vertrat die Auffassung, dass die Zulassung nur auf den Kaufzeitpunkt abzustellen sei und mit der ErfĂźllung der Euro-5-Norm ein Entzug in nächster Zeit nicht wahrscheinlich sei. Hinsichtlich eines erhĂśhten Verbrauchs komme es nur darauf an, dass die Laborwerte zum Kaufzeitpunkt erfĂźllt wĂźrden. Auch wenn diese nicht realistisch seien, wären diese zum Kaufzeitpunkt der gĂźltige MaĂstab gewesen. Das KBA ginge nicht von Langzeitschäden durch das Update aus, weshalb ein Update als Nachbesserung zumutbar sei und zumindest nach dem Update kein Sachmangel mehr vorliege. Hat sich der Nutzer bzw. Käufer in Kenntnis eines bevorstehenden Modellwechsels bewusst fĂźr ein âAuslaufmodellâ entschieden, soll die Beschaffungspflicht des Verkäufers nach Ansicht des OLG Koblenz auf diese Modellversion begrenzt sein.cite-ref-485[485] GewährleistungsansprĂźche gegen den Fahrzeughändler unterliegen nach Ansicht des OLG Koblenz der zweijährigen Verjährung, auch wenn eine als unzulässig eingestufte Steuerungssoftware einen Mangel begrĂźnde, weil die Gefahr einer behĂśrdlichen Betriebsuntersagung bestehe. Die längere Verjährungsfrist greife nur dann, wenn der Händler den Mangel arglistig verschwiegen habe. Eine Arglist des Herstellers sei dem Händler aber nicht zuzurechnen.cite-ref-486[486]
Soweit nicht nur AnsprĂźche aus Sachmangelhaftung, sondern auch aus unerlaubter Handlung geltend gemacht werden, kommt eine Sittenwidrige vorsätzliche Schädigung (§ 826 BGB) in Betracht, wenn die Täuschung Ăźber die tatsächlichen Abgaswerte (damit verbunden keine drohenden Fahrverbote und kein Abschlag beim Weiterverkauf) entscheidend fĂźr den Käufer waren, den Kaufvertrag abzuschlieĂen. Anders als bei den GewährleistungsansprĂźchen im Kaufrecht, die zwei Jahre nach Ăbergabe der gekauften Sache verjähren (§ 438 Absatz 1 Nr. 3& BGB), unterliegen AnsprĂźche aus einer sittenwidrigen vorsätzlichen Schädigung der Regelverjährung gemäà § 195 BGB, die ab Kenntnis der Täuschung durch den Gläubiger beginnt (§ 199 Absatz 1 Nr. 2 BGB). Das Landgericht Trier geht sogar davon aus, dass der Beginn der Verjährung in diesen Fällen erst dann beginne, wenn durch eine hĂśchstrichterliche Entscheidung des Bundesgerichtshofs Klarheit herrsche.cite-ref-487[487] Des Weiteren wird bei den Abgasskandalfällen erĂśrtert, ob beim Hersteller ein Verhalten vorliegt, das dem Vorstand zumindest bekannt war und somit dem Hersteller zuzurechnen ist. Manche Gerichte bewerten dabei, ob eine Heimlichkeit des Handelns gegeben ist, insbesondere, ob der Hersteller von der Abweichung zwischen angegebenen und tatsächlichen Abgaswerten wusste und dennoch weiter mit den ursprĂźnglichen Werten als umweltfreundlich fĂźr die Fahrzeuge geworben hat. Ein bedingter Vorsatz des Herstellers dĂźrfe dabei genĂźgen, um von einer Sittenwidrigkeit auszugehen. Wird entsprechend fĂźr den Käufer vorgetragen, sehen viele Gerichte eine sekundäre Darlegungs- und Beweislast beim Hersteller dafĂźr, dass der Vorstand von den Manipulationen keine Kenntnis hatte. Manche Entscheidungen zu Gunsten der Kläger grĂźnden wesentlich darauf, dass die Hersteller dieser sekundären Darlegungs- und Beweislast fĂźr die Nichtkenntnis des Vorstandes nicht substantiiert nachgekommen sind. FĂźr manche Gerichte kommt eine Haftung des Herstellers entsprechend § 31 BGB auch ohne Kenntnis des Vorstands von den Manipulationen in Betracht, wenn wegen Organisationsmängeln Mitarbeiter unterhalb der Vorstandsebene die Entscheidung Ăźber den Einsatz frei und ohne Beteiligung des Vorstandes treffen konnten.cite-ref-488[488] Manche Gerichte fragen bei klagenden Verbrauchern intensiv nach, welche Motive sie beim Kaufvertragschluss des Dieselautos hatten und ob ihnen die Abgasprobleme zu diesem Zeitpunkt bekannt waren oder durch Berichterstattung schon hätten bekannt gewesen sein mĂźssen. Das kann dazu fĂźhren, dass das Gericht bei Kenntnis der Problematik durch den Kläger im Zeitpunkt des Kaufs keine Täuschung durch den Hersteller mehr annimmt. Ob es dabei auf eine abstrakte Kenntnis des Käufers ankommt (...hätte wissen mĂźssen...) oder auf eine konkrete Kenntnis, ist noch umstritten. In der Praxis bedeutsam ist dies in Fällen, in denen Kläger glaubhaft machen kĂśnnen, dass sie zumindest in den ersten Monaten nach ersten Bekanntwerden der Abgasproblematik hierĂźber keine Berichterstattung wahrgenommen haben. Klägerseitig wird intensiveren Nachfragen des Gerichts oder der Beklagtenvertreter oft mit dem Argument entgegengetreten, dass es auf eine genaue Ermittlung der Kaufmotive nicht ankomme, weil man ein Käufer davon ausgehen musste, dass das angebotene Fahrzeug auch die geforderten Abgasvorschriften erfĂźlle. Das OLG Oldenburg hat bei einem Kauf im Herbst 2017 eine Täuschung der Klägerin wegen der Ad-hoc-Mitteilung von VW am 22. September 2015 als denklogisch unmĂśglich abgelehnt.cite-ref-489[489] Das OLG Dresden ging bei einem Kauf Anfang Juni 2016 davon aus, dass die Abgasproblematik schon mindestens ein halbes Jahr bekannt gewesen sein mĂźsse und eine Täuschung des Käufers deshalb nicht in Betracht käme.cite-ref-490[490] Die An- und Abmeldung zur Musterfeststellungsklage mit einer rĂźckwirkend hemmenden Wirkung der Verjährung ist nach dem LG Kiel nicht rechtsmissbräulich, wenn (wie hier einige Monate) zwischen An- und Abmeldung ein hinreichender zeitlicher Abstand besteht.cite-ref-491[491]
Sind die Kläger mit einem Klageantrag auf Rßckabwicklung des Kaufvertrages erfolgreich, wird von den meisten Gerichten zu Lasten des Klägers ein Nutzungsersatz von dem zu erstattenden Kaufpreis in Abzug gebracht. Seit Juli 2019 gibt es allerdings auch schon vom OLG Stuttgart eine obergerichtliche Entscheidung, mit der dem Kläger eine Neulieferung zugesprochen wurde, ohne dass er sich eine Nutzungsentschädigung entgegenhalten muss.cite-ref-492[492] Die Gerichte legen fßr die anteilige Berechnung des Nutzungsersatz unterschiedliche Gesamtfahrleistungen zu Grunde, meist wird von 250.000 bis 300.000 Kilometern ausgegangen. Hat der Käufer fßr das Fahrzeug beispielsweise 45.000 Euro bezahlt und bis zum Ende der mßndlichen Verhandlung 100.000 Kilometer gefahren, wird ihm anteilig ein Drittel, also 15.000 Euro von der Kaufpreiserstattung abgezogen. Zum Teil wurde auf dem Wege des Vergleichs von den Käufers auf den mÜglichen Anspruch einer Zug-um-Zug-Rßckabwicklung des Kaufvertrages gegen eine Kompensationszahlung verzichtet. Der in den Klagen häufig gemäà § 849 BGB geltend gemachte Zinsanspruch auf die Schadensersatzhauptforderung wird von den Gerichten im Regelfall nicht zugesprochen, weil die Fahrzeuge von den Klägern genutzt werden konnten. Zumindest in den Fällen, bei denen auch Finanzierungskosten fßr den Kauf des streitgegenständlichen Fahrzeugs geltend gemacht werden, weisen die Gerichte einen parallel geltend gemachten gesetzlichen Zinsanspruch zurßck.
Gestritten wird in einigen Klageverfahren auch Ăźber die Frage, ob der Kauf eines Kraftfahrzeuges als Kapitalanlage zu betrachten sei und deshalb eine âProspekthaftungâ vorliege.
Entscheidungen des Bundesgerichtshofs zum Diesel-Skandal in den VW-Prozessen
Im Januar 2019 stellte der Bundesgerichtshof (BGH) in einem Hinweisbeschluss erstmals fest, dass es sich bei den im VW-Konzern mit der Typbezeichnung EA189 Abschalteinrichtungen in Dieselmotoren um einen Sachmangel gem. § 434 Abs. 1 Satz 2 Nr. 2 BGB handelt. Bei solchen Fahrzeugen sei der Entzug der Zulassung zum StraĂenverkehr in Betracht zu ziehen.cite-ref-493[493] Der BGH tendierte in dem Beschluss dazu, dass dem Käufer eines betroffenen Fahrzeuges der Anspruch auf eine Ersatzlieferung eines neuwertigen Fahrzeuges nicht schon aufgrund eines zwischenzeitlichen Modellwechsels beim Hersteller verwehrt ist. Ob, wie in diesem Fall, der Käufer eines neuen Tiguan der ersten Generation nur einen Tiguan der zweiten Generation nachgeliefert bekommen kĂśnne, sei ohne Belang. Der Verkäufer kĂśnne die Ersatzlieferung aber verweigern, wenn diese mit unverhältnismäĂigen Kosten verbunden sei.cite-ref-494[494] Der BGH hat in diesem Hinweisbeschluss weiter offen gelassen, ob die RĂźckrufaktion, um die Motoren ohne Kosten fĂźr die Käufer in einen ordnungsgemäĂen Zustand zu versetzen, genĂźgt, um die AnsprĂźche der Käufer zu erfĂźllen.cite-ref-495[495] Mit Beschluss vom 28. Januar 2020 hat der BGH entschieden, dass ein Beweisantrag eines Klägers durch Sachverständigengutachten das Vorhandensein einer oder mehrerer unzulässiger Abschaltvorrichtungen zu beweisen, kein unzulässiger âAusforschungsbeweisâ ist, der nur beim Fehlen jeglicher tatsächlicher Anhaltspunkte angenommen werden muss.cite-ref-496[496]
In einer Verhandlung am 5. Mai 2020 lieĂ der BGH erkennen, dass er vorläufig zu einer Annahme eines Schadens fĂźr den Käufer eines Fahrzeugs mit Abschalteinrichtung schon bei Vertragsschluss tendiere. Am 25. Mai 2020 sah der BGH den Anspruch auf Schadensersatz gegen die VW AG bei einem Käufer eines manipulierten VW-Diesel-Autos als berechtigt an.cite-ref-spiegel-bgh-schadenersatz-480-1[480]cite-ref-497[497] VW habe Schadensersatz aus sittenwidriger vorsätzlicher Schädigung (§ 826 BGB) zu leisten und den Kaufpreis gegen RĂźckgabe des Autos zurĂźckzuerstatten.cite-ref-498[498] Dabei mĂźsse sich der Käufer allerdings den Vorteil der bisherigen Nutzungen fĂźr die bisher gefahrenen Kilometer anrechnen lassen. Zahlreiche Medien weltweit berichteten Ăźber das Verfahren. Häufig traten auch der Kläger â Herbert Gilbert â und sein Anwalt â Claus Goldenstein â im Zusammenhang mit dem Verfahren medial in Erscheinung.cite-ref-499[499]cite-ref-500[500]cite-ref-501[501]
Mit den Entscheidungen vom 30. Juli 2020cite-ref-502[502] hat der BGH einige weitere Grundsätze aufgestellt: Anders als bei den vorgenannten Altfällen, bei denen der Kauf des Fahrzeugs vor dem Bekanntwerden des Dieselskandals seit dem 22. September 2015 erfolgte, hat der BGH eine sittenwidrige vorsätzliche Schädigung bei einem Kauf nach Bekanntwerden verneint. Das gilt insbesondere, wenn die erste potentiell schadensursächliche Handlung und der Eintritt des Schadens zeitlich auseinanderfallen und der Schädiger sein Verhalten zwischenzeitlich nach auĂen erkennbar geändert habe.cite-ref-503[503] In den Fällen, in denen eine sittenwidrige vorsätzliche Schädigung vorliege, kompensiere die Nutzung des Fahrzeugs die Nichtnutzung des fĂźr das Fahrzeug gezahlten Geldes, weshalb keine Deliktszinsen gemäà § 849 BGBcite-ref-504[504]cite-ref-pm-vi-zr-354-19-505-0[505] zuzusprechen seien. Zudem kĂśnne auch der fĂźr die Nutzung des Fahrzeugs anfallende Nutzungsersatz den Schadensersatz vollständig kompensieren,cite-ref-pm-vi-zr-354-19-505-1[505] so dass im Ergebnis kein Schadensersatz Ăźbrigbleibe. Aufgehoben hat der BGH dagegen eine Entscheidung des Oberlandesgericht Braunschweig, nach der der Schaden einer vorsätzlich sittenwidrigen Schädigung durch ein Software-Update wieder entfalle. Dies sei mit dem Sinn der Norm nicht zu vereinbaren.cite-ref-506[506] Unabhängig von der Frage ob bei einem Kauf nach Kenntnisnahme der Problematik Ăźberhaupt noch von einer erfolgreichen Täuschungshandlung des Herstellers ausgegangen werden kann, seien Klagen die im Jahr 2019 erhoben wurden, obwohl der Käufer bereits 2015 Kenntnis von der Manipulationssoftware erhalten hat, auch verjährt.cite-ref-507[507]cite-ref-508[508]
Zu den vom BGH anerkannten Schadenspositionen gehÜren auch Finanzierungskosten. Hat der Kläger den Fahrzeugkauf ßber einen Kredit finanziert, kann er deshalb im Rahmen seines Anspruchs gemäà § 826 BGB auch die bis zur Rßckabwicklung gezahlten Zinsen vom Hersteller zurßckverlangen.cite-ref-509[509]
Der Bundesgerichtshof hat fßr den 23. Februar 2021 zwei weitere Verhandlungen im Rahmen des VW-Dieselskandals terminiert. In diesen soll geklärt werden, ob auch das Software-Update, mit dem Volkswagen die manipulierten Fahrzeuge sauber machen wollte, eine illegale Abschalteinrichtung enthält.cite-ref-510[510] Die Verfahren wurden jedoch kurz vor dem Beginn der mßndlichen Verhandlungen aufgehoben, da die Kläger ihre Revision zurßckgezogen hatten.cite-ref-511[511] Am 11. März verÜffentlichte der Bundesgerichtshof dann unabhängig davon einen Beschluss, wonach der Einbau der Abschalteinrichtung in dem Software-Update von VW nicht sittenwidrig sei und verkßndete, dass betroffene Halter demnach keinen Anspruch auf Schadensersatz haben.cite-ref-512[512]
Inwieweit auch der Motor mit der Typbezeichnung EA288, der Nachfolger des Motors EA189, mit einem wesentlichen Sachmangel zu qualifizieren ist, wurde hĂśchstrichterlich noch nicht entschieden. Die erstinstanzliche Rechtsprechung, meist der Landgerichte, ist noch uneinheitlich.
Mit Wirkung vom 1. August 2021 hat der Bundesgerichtshof eigens einen Hilfssenat, den VIa-Zivilsenat, fĂźr die Behandlung und Erledigung der zum Dieselskandal ab diesem Zeitpunkt eingehenden Rechtsstreitigkeiten eingerichtet.
Rechtsstreitigkeiten gegen die Daimler AG/Mercedes-Benz Group AG
Die obigen AusfĂźhrungen beziehen sich auf den Dieselmotor der Typbezeichnung EA189 des VW-Konzerns. Inwieweit die obige Rechtsprechung auch auf andere Motoren des VW-Konzerns oder anderer Hersteller Ăźbertragbar ist, scheint noch vĂśllig offen.
Der Bundesgerichtshof hat fßr den 27. Oktober 2020 eine mßndliche Verhandlung terminiert, in der es um die Schadensersatzansprßche eines Mercedes-Benz-Halters geht, der in seinem Auto eine unzulässige Abschalteinrichtung vermutet.cite-ref-513[513] Am 12. Oktober 2020 verkßndete der Bundesgerichtshof, dass das Verfahren aufgehoben wurde, da der Kläger seine Revision zurßckgezogen hatte.cite-ref-514[514] Noch am selben Tag terminierte der Bundesgerichtshof ein ähnliches Verfahren im Rahmen des Daimler-Dieselskandals fßr den 14. Dezember 2020.cite-ref-515[515]
Der Europäische Gerichtshof (EuGH) entschied am 21. März 2023 auf die Vorlagefrage des Landgerichts Ravensburg in einem Verfahren gegen die Mercedes-Benz Group AG (vormals Daimler AG), dass bestimmte europäische Normen zur Genehmigung von Kraftfahrzeugen und zu Abgasemissionen Richtlinie 2007/46/EGcite-ref-516[516] und Verordnung (EG) Nr. 715/2007cite-ref-517[517] auch den Verbraucher schßtzen sollen. Daher kÜnnen Kfz-Hersteller auch fßr einfache Fahrlässigkeit gegenßber den Käufern eines Kraftfahrzeugs mit einer unzulässigen Abschalteinrichtung haften.cite-ref-518[518]
Entscheidungen des Bundesgerichtshofs zum Diesel-Skandal gegen Audi
Am 27. November 2021 bestätigte der Bundesgerichtshof BGH vier Urteile des OLG Mßnchen und verurteilte die Audi AG erstmals zu Schadensersatz.cite-ref-519[519]
Die Kläger mit den Modellen A3, A4, A5 Sportback und Q5 hatten die Audi AG wegen der Verwendung des Motors VW EA189 auf Schadensersatz verklagt (VII ZR 238/20, VII ZR 243/20, VII ZR 257/20 und VII ZR 38/21). Der BGH sah die Voraussetzungen fßr Schadensersatzanspruch nach § 826 BGB als gegeben. Die Urteile des OLG Mßnchen sind damit rechtskräftig.
Am 16. Dezember 2021 sollten sich die Richter am Bundesgerichtshof dann erstmals auch mit den SchadensersatzansprĂźchen im Zusammenhang mit Diesel-Motoren, die von Audi entwickelt wurden, befassen.cite-ref-520[520] Audi zog die Revision in einem der zu verhandelnden Verfahren jedoch einen Tag vor dem Prozessbeginn zurĂźck und verhinderte dadurch vorerst ein Grundsatzurteil.cite-ref-521[521]
Klagen gegen FCA Italy S. p. A.
Auch Käufer von Wohnmobilen des italienischen Konzerns FCA Italy haben Klagen eingereicht, die bislang noch nicht durch den BGH abschlieĂend entschieden wurden. In den unteren Instanzen wurden Klagen bislang häufig mit den folgenden BegrĂźndungen abgewiesen: Vertragliche AnsprĂźche seien nicht gegeben, weil FCA Italy nur Hersteller und nicht Verkäufer gewesen sei. Vertragsähnliche AnsprĂźche lägen nicht vor, da FCA Italy keine Sachwalterhaftung habe. AnsprĂźche aus Prospekthaftung schieden aus, da andere Informationsquellen Ăśffentlich zugänglich seien. Ein Garantieversprechen sei nicht ersichtlich. Insbesondere sei die erfolgreiche Betreibung einer Typgenehmigung fĂźr die Zulassung zum StraĂenverkehr kein Garantieversprechen. Bei den deliktischen AnsprĂźchen schiede ein Anspruch wegen einer vorsätzlichen sittenwidrigen Schädigung (§ 826 BGB) aus, weil eine Täuschungshandlung, anders als beim Motor EA189 des VW-Konzerns, nicht vorliege. Weder der Einbau des Thermofensters, noch der zeitgesteuerten Abgasreinigung oder des On-board-Diagnosesystems (OBD) seien Täuschungshandlungen, denn das Thermofenster sei anerkannter Industriestandard im Herstellungszeitraum gewesen und dass sich die Stickoxidemissionen auf dem PrĂźfstand und im allgemeinen Fahrbetrieb entsprechen mĂźssten, sei nirgendwo normiert. Denkbar sei ein Anspruch aus § 823 Absatz 2 BGB in Verbindung mit einem Schutzgesetz. Ob die Verordnung zur Typenzulassung ein solches Schutzgesetz sein kĂśnnte, sei aber umstritten. Der BGH habe dies bislang verneint, ob der EuGH zu einer anderen Rechtsauffassung kommen kĂśnnte, sei offen. § 263 StGB (Betrug) sei zwar ein mĂśgliches Schutzgesetz im Sinne von § 823 Absatz 2 BGB, es sei hier aber keine Täuschungshandlung des Herstellers erkennbar, so dass es an einem Betrug fehle.
Klagen in Frankreich
Verfahren gegen VW wegen des sog. âThermofenstersâ
In den Verfahren gegen die Volkswagen AG ging es um die Zulässigkeit bestimmter Emissionskontrollsysteme von Dieselmotoren, welche die Abgasreinigung bei Temperaturen unter 15 °C erheblich verringern â das sogenannte âThermofensterâ. Durch diese Abschalteinrichtung erzielen Fahrzeuge bei Messungen auf dem PrĂźfstand im Rahmen des Zulassungsverfahrens einen erheblich niedrigeren StickoxidausstoĂ als im Normalbetrieb auf der StraĂe. Auf Veranlassung eines franzĂśsischen Ermittlungsrichters wurde der Sachverhalt im Rahmen eines Vorabentscheidungsersuchens dem EuGH vorgelegt und um Auslegung der hierfĂźr einschlägigen Verordnung Nr. 715/2007cite-ref-522[522] des Europäischen Parlaments und des Rates vom 20. Juni 2007 Ăźber die Typgenehmigung von Kraftfahrzeugen hinsichtlich der Emissionen von leichten Personenkraftwagen und Nutzfahrzeugen (Euro 5 und Euro 6) gebeten. Laut der Ausnahmevorschrift in Art. 5 Abs. 2 der EU-Verordnung sind Abschalteinrichtungen ausnahmsweise zulässig, wenn sie notwendig sind, um den Motor vor Beschädigung oder Unfall zu schĂźtzen und um den sicheren Betrieb des Fahrzeugs zu gewährleisten. Zu klären war, ob das Emissionskontrollsystem der TDI-Dieselmotoren der Reihe VW EA189 eine unzulässige Abschalteinrichtung enthält und ob diese, selbst bei angenommener Unzulässigkeit, eine vorsätzliche sittenwidrige Schädigung darstellt, auf die der Käufer und Kläger seine geltend gemachten AnsprĂźche grĂźnden kĂśnnte.cite-ref-523[523]
Die betroffenen Automobilhersteller argumentierten, es sei legal, die Abgasreinigung bei vÜllig ßblichen Temperaturen auszuschalten. Verbraucherschßtzer argumentieren, wßrde man dieser Logik folgen, kÜnnten die Hersteller auf den Einbau teurer Hardware, die Dieselautos zuverlässig sauberer machen, gänzlich verzichten und stattdessen billige Abgassysteme einbauen, welche die meiste Zeit ßber abgeschaltet werden mßssen, weil sonst das Auto irgendwann Schaden nimmt.cite-ref-524[524]
Die Generalanwältin des Europäischen Gerichtshofs, Eleanor Sharpston, erklärte in ihrem Rechtsgutachten vom 30. April 2020, das Ziel, den Verschleià oder die Verschmutzung des Motors zu verzÜgern, sei nicht ausreichend, um den Einsatz einer Abschalteinrichtung zu rechtfertigen.cite-ref-525[525]
Urteil des Europäischen Gerichtshofs
Am 17. Dezember 2020 erklärte der EuGH betreffend die Auslegung von Art. 3 Nr. 10 und Art. 5 Abs. 2 der Verordnung (EG) Nr. 715/2007,cite-ref-526[526] âdass eine Abschalteinrichtung [âŚ], die bei Zulassungsverfahren systematisch die Leistung des Systems zur Kontrolle der Emissionen von Fahrzeugen verbessert, damit die in der Verordnung festgelegten Emissionsgrenzwerte eingehalten werden und so die Zulassung dieser Fahrzeuge erreicht wird, nicht unter die in dieser Bestimmung [âŚ] vorgesehene Ausnahme vom Verbot solcher Einrichtungen fallen kann, selbst wenn die Einrichtung dazu beiträgt, den VerschleiĂ oder die Verschmutzung des Motors zu verhindern.âcite-ref-527[527] Damit folgt der Gerichtshof im Wesentlichen der rechtlichen Bewertung durch die Generalanwältin.
Klagen in Ăsterreich
In Ăsterreich hat der Verein fĂźr Konsumenteninformation (VKI) im September 2018, fĂźr 9872 geschädigte Autohaltende, 16 Sammelklagen bei den jeweiligen Landesgerichten gegen die VW AG eingebracht.cite-ref-528[528] Da Ăźblicherweise eine Klage dort eingebracht werden muss, wo der Beklagte seinen Sitz hat, fragte das Landesgericht Klagenfurt im April 2019 beim Europäischen Gerichtshof (EuGH) an, ob es Ăźberhaupt zuständig ist. Der EuGH urteilte am 9. Juli 2020, dass im Land des Autokaufs auf Schadenersatz geklagt werden darf. In der BegrĂźndung heiĂt es, zwar seien die Fahrzeuge bereits beim Einbau der manipulierenden Software âmit einem Mangel behaftetâ, jedoch sei die âVerwirklichung des Schadensâ erst mit dem Kauf des Fahrzeuges eingetreten.cite-ref-529[529]
Der Oberste Gerichtshof (OGH) entschied im FrĂźhjahr 2023 erstmals, dass die Halter von illegal manipulierten Fahrzeugen wegen des Abgasskandals Anspruch auf Schadensersatz haben.cite-ref-530[530] Ăsterreichs oberste Zivilrichter sprachen dem Halter eines VW Tiguan im Rahmen dieses Grundsatzurteils 23.400 Euro zu. Der Kläger hatte das Fahrzeug ursprĂźnglich fĂźr 26.900 Euro erworben.
Im Juni 2023 sprach erstmals auch ein deutsches Gericht einem Ăsterreicher im Abgasskandal Schadensersatz zu. Ăsterreicher kĂśnnen ihre zivilrechtlichen AnsprĂźche gegenĂźber deutschen Autobauern auch in Deutschland geltend machen.cite-ref-531[531]
Klagen in der Schweiz
In der Schweiz haben die kantonalen Staatsanwaltschaften und die Bundesanwaltschaft beschlossen, sämtliche Klagen bei der Bundesanwaltschaft zusammenzufßhren um so eine gesamtschweizerische LÜsung zu erzielen. Per 29. Oktober 2015 sind rund 600 Strafanzeigen von Privatpersonen eingegangen.cite-ref-532[532] Am 29. Dezember 2017 hat die Stiftung fßr Konsumentenschutz am Handelsgericht in Zßrich fßr rund 6000 Schweizer Autobesitzer eine Schadenersatzklage eingereicht.cite-ref-533[533] Das Schweizer Bundesgericht hat diese Klage am 9. Mai 2023 endgßltig abgewiesen, da es sich hierbei um keinen Schaden im haftpflichtrechtlichen Verständnis handele.cite-ref-534[534]
Klagen in SĂźdkorea
Im Laufe des Oktobers 2015 wurden 226 Klagen von VW-Kunden eingereicht sowie eine Sammelklage von 101 Audi-Besitzern.cite-ref-535[535]
Klagen im Vereinigten KĂśnigreich
Am 9. Januar 2017 wurde eine Sammelklage von 10.000 Volkswagen-Besitzern, die eine Entschädigung von insgesamt 30 Millionen britischen Pfund forderten, eingereicht.cite-ref-536[536]
Klagen in Australien
Volkswagen hat in einer Sammelklage einem Vergleich zugestimmt, der den Konzern 79 Millionen ⏠kostet. Damit sollen ca. 100.000 Autobesitzer entschädigt werden. Die australische VerbraucherschutzbehÜrde ACCC hat ebenfalls geklagt, ein Ergebnis steht noch aus.cite-ref-537[537]
MĂśgliche Auswirkungen auf den Absatz von Dieselfahrzeugen
Am 20. Oktober 2015 sagte der VW-Konzernbetriebsratschef Bernd Osterloh, es gebe noch keine Anzeichen dafĂźr, dass sich der Abgasskandal negativ auf die Verkaufszahlen ausgewirkt habe.cite-ref-538[538]
Der Anteil von Dieselfahrzeugen im PKW-Bereich ist regional sehr unterschiedlich. Von 1995 bis 2009 nahm der Anteil in Europa von 14 % auf 33 % zu, während er in Japan im gleichen Zeitraum von ursprßnglich 11 % auf 1,4 % zurßckging. In den USA wuchs der Anteil von 0,3 % (2000) auf 1,3 % (2011).cite-ref-cames-539-0[539] VW hatte im Jahr 2014 in den USA einen PKW-Diesel-Marktanteil von etwa 90 %.cite-ref-540[540]
Analysten in den Vereinigten Staaten sehen die Zukunft des Dieselmotors im PKW-Bereich insgesamt infrage gestellt. BegrĂźndet wurde dies damit, dass VW in den USA der grĂśĂte Hersteller von PKW-Dieselmotoren sei und nun die gesamte Technik kompromittiert werde.cite-ref-541[541]
Die Grenzwerte fĂźr Stickoxide lassen sich technisch mit dem NOx-Speicherkatalysator und fĂźr grĂśĂere Motoren mit dem SCR-Kat einhalten,cite-ref-auto-542-0[542] der bereits 1974 in japanischen MĂźllverbrennungsanlagen eingesetzt wurde. BefĂźrworter der Dieseltechnik verweisen auf einen niedrigeren Kraftstoffverbrauch als beim Benziner und einen niedrigeren CO2-AusstoĂ.cite-ref-auto-542-1[542]cite-ref-543[543] Diese Angaben sind jedoch umstritten. Bei vergleichbaren Modellen und modernen Ottomotoren verschwindet der Unterschied bezĂźglich des CO2-AusstoĂes weitestgehend.cite-ref-cames-539-1[539] So reduzierten sich seit der Jahrhundertwende beispielsweise die japanischen Emissionen durch verbesserte Ottomotoren und Hybride deutlich stärker als die europäischen.cite-ref-cames-539-2[539] Im Vergleich zu Elektroautos hängt die relative Umweltbilanz von Dieselfahrzeugen stark von der GrĂśĂe des Fahrzeugs und dem Strommix ab. Insbesondere bei groĂen Fahrzeugen und hohem Anteil an Kohlestrom ergeben sich Vorteile fĂźr Dieselfahrzeuge.cite-ref-544[544]cite-ref-545[545]
Laut dem Beratungsunternehmen Accenture werden sich Dieselmotoren durch die erforderliche Technik zur Abgasreinigung und die strengeren Grenzwerte und Messmethoden zukĂźnftig erheblich verteuern. Damit reduziere sich der Kostennachteil von Elektrofahrzeugen deutlich. Personenkraftwagen mit Hybridantrieb wĂźrden auch im Unterhalt bald preiswerter werden als Dieselfahrzeuge. Insbesondere Kleinwagen mit Dieselmotoren und geringer Laufleistung wĂźrden noch unrentabler werden als bisher.cite-ref-546[546]
Probleme bei nicht-deutschen Firmen
Im April 2016 gab Mitsubishi, sechstgrĂśĂter Automobilhersteller Japans, Manipulationen bei den Verbrauchswerten seiner Modelle bekannt. 625.000 Autos, davon 468.000 Exemplare zweier Modelle fĂźr Nissan, sind betroffen.cite-ref-547[547]cite-ref-548[548]
Das Bundesverkehrsministerium wirft Fiat die Verwendung einer illegalen Abschalteinrichtung vor. Der Timer, der nach dem Prßfzyklus die Abgasreinigung abschaltet, wurde im Mai 2017 durch Forschungen der Ruhr-Universität Bochum in Fiat-Modellen aufgedeckt.cite-ref-fiat-22min-122-2[122]cite-ref-549[549]
FrĂźhere Manipulationen bei Abgastests und -vorrichtungen
Der VW-Abgasskandal ist nicht der erste Fall von Manipulationen bei Abgasuntersuchungen:
⢠Bereits 1974 zahlte VW eine Strafe von 120.000 US-Dollar wegen eines VerstoĂes gegen den Clean Air Act. Vier 1973er Modelle von VW nutzten Temperatursensoren zur Anpassung der Emissionen, ohne dass dies bei der Zulassung angegeben worden wäre. VW zahlte im Rahmen einer auĂergerichtlichen Einigung mit der EPA, ein RĂźckruf fand nicht statt. Ăhnliche umgebungstemperaturabhängige Defeat Devices fand die EPA im selben Jahr auch bei Chrysler, Ford, General Motors und Toyota.cite-ref-550[550]cite-ref-automotivenews20150924-551-0[551]
⢠1995 wurde General Motors zu einer Strafzahlung in HĂśhe von 11 Millionen sowie Spenden von 9 Mio. US-Dollar verpflichtet und musste 470.000 Fahrzeuge der Marke Cadillac mit den Modellen Deville, Eldorado, Fleetwood und Seville zurĂźckrufen und fĂźr 25 Mio. Dollar umrĂźsten, nachdem bekannt worden war, dass die Steuersoftware ihre Funktionen zur Emissionskontrolle deaktivierte, sofern das Fahrzeug sich nicht in einer PrĂźfstandsumgebung befand.cite-ref-552[552] Dies wurde darĂźber ermittelt, ob die Klimaanlage eingeschaltet war oder nicht. GM bestritt die VorwĂźrfe und verwies auf den Interpretationsspielraum der Regelungen.cite-ref-dailyherald20150921-553-0[553] Während die Einigung mit der EPA Ăźber die Strafzahlungen auĂergerichtlich geschah, wurde die RĂźckrufaktion gerichtlich angeordnet, womit dieser Fall der erste ist, in dem dies aus UmweltschutzgrĂźnden geschah.cite-ref-automotivenews20150924-551-1[551]
⢠1998 wurde die Ford Motor Company zu Zahlungen von insgesamt 7,8 Millionen US-Dollar verpflichtet, nachdem bekannt wurde, dass 60.000 Fahrzeuge des Kastenwagens Ford Econoline (Modell 1997) während der 20-minĂźtigen EPA-PrĂźfstandsroutine einwandfrei arbeiteten, jedoch im Regelbetrieb auf der StraĂe sämtliche softwareseitigen Funktionen zur Emissionskontrolle deaktivierten und damit den erlaubten AbgasausstoĂ Ăźberstiegen.cite-ref-epa1998-554-0[554] Die Kosten setzten sich aus einer Strafe und dem Kauf von Emissionszertifikaten von jeweils 2,5 Mio. Dollar, einer RĂźckrufaktion im Wert von 1,3 Mio. Dollar und Spenden an Umweltschutzprojekte Ăźber 1,5 Mio. Dollar zusammen.cite-ref-automotivenews20150924-551-2[551]
⢠Ebenfalls 1998 verpflichtete sich Honda gegenßber der EPA zu Strafzahlungen in HÜhe von 17,1 Millionen US-Dollar und Nachrßstungen im Wert von mindestens 250 Millionen Dollar, weil in 1,6 Millionen Fahrzeugen (Accord, Civic, Prelude, Odyssey und Acura) auf Kosten der Abgaswerte ein System zur Erkennung von Fehlzßndungen deaktiviert wurde.cite-ref-epa1998-554-1[554]
⢠Bei einem dritten Fall im Jahr 1998 wurden sieben Hersteller von LKW bzw. LKW-Dieselmotoren (Caterpillar, Cummins Engine, Detroit Diesel, Mack Trucks, Navistar, Renault Trucks und Volvo Trucks) zu einer Strafzahlung von insgesamt 83,4 Millionen US-Dollar verpflichtet, weil 1,3 Mio. Fahrzeuge mit einer Abschalteinrichtung (Defeat Devices) ausgestattet waren, die softwaregesteuert dafßr sorgten, dass Abgasgrenzwerte nur während der Prßfungen der EPA eingehalten wurden. Die sieben Hersteller einigten sich mit der EPA darauf, fßr die nÜtigen Umrßstungen rund eine Milliarde Dollar auszugeben.cite-ref-dailyherald20150921-553-1[553]cite-ref-555[555]
⢠Im Jahr 2007 erwiesen sich bis zu 60.000 von insgesamt 170.000 in Deutschland nachgerĂźsteten DieselruĂpartikelfiltern als wirkungslos. Die Deutsche Umwelthilfe hatte zuvor dem Bundesumweltministerium vorgeworfen, ein ganzes Jahr zu spät auf ein Schweizer Gutachten reagiert zu haben, das die Wirkungslosigkeit vieler Filter stichhaltig nachgewiesen hatte.cite-ref-stern-604687-556-0[556] Bei der Aufklärung dieses Falles beteiligt war Axel Friedrich, der auch zur Aufdeckung des Abgasskandals des Jahres 2015 beitrug.
Gesundheitliche Folgen der erhĂśhten Emissionen
Luftverschmutzung mit Stickoxiden (NOx) und Feinpartikeln/Feinstaub durch den Verkehr ist sowohl an der Gesamtsterblichkeit als auch an verschiedensten Krankheiten wie Herzinfarkt, Schlaganfall, Lungenkrankheiten beteiligt und im Blut z. B. am Spiegel der Chemokine sichtbar.cite-ref-557[557] Dieselfahrzeuge stoĂen um den Faktor 4 bis 7 mehr Stickoxide im realen Fahrbetrieb aus als bei den Tests der Typenzulassung.cite-ref-558[558] Dadurch wurden jahrelang falsche Abschätzungen fĂźr den Beitrag des StraĂenverkehrs zu den Luftgrenzwerten verwendet.
Insgesamt ßberschreiten in den wichtigsten Märkten knapp ein Drittel der im Schwerlastverkehr und mehr als die Hälfte der fßr leichte Transportzwecke eingesetzten Dieselfahrzeuge die jeweils geltenden Grenzwerte, was nach einer Schätzung von 2017 jährlich weltweit zu etwa 38.000 vorzeitigen Todesfällen fßhrt.cite-ref-559[559] Eine norwegisch-Üsterreichische Studie von 2017 schätzte die verfrßhten Todesfälle durch den Abgasskandal fßr Europa auf 5000 Fälle jährlich.cite-ref-560[560] Im Vereinigten KÜnigreich haben die Abgasmanipulationen einer Studie zufolge zu 16.000 Toten gefßhrt und 30.000 Fälle von Asthma bei Kindern verursacht.cite-ref-561[561]
Durch die ĂźberhĂśhten Schadstoffemissionen der VW-Modelle sowie durch daraus resultierende Gesundheitsschäden und vorzeitige Todesfälle ergaben sich im Zeitraum 2009â2015 allein in Europa und den USA Kosten in HĂśhe von 39 Mrd. US-Dollar, der GroĂteil davon in Europa. Abhängig davon, ob und wie schnell die betroffenen Fahrzeuge zurĂźckgerufen und repariert werden, kann diese Zahl auf Ăźber 100 Mrd. Dollar ansteigen.cite-ref-562[562] Anfang 2017 wurde geschätzt, dass im Mittel vorzeitige Todesfälle mit zusammen ca. 29.000 verlorenen Lebensjahren und Gesundheitskosten von 4,1 Milliarden Euro (Wert im Jahr 2015) vermieden werden kĂśnnten, wenn bis Ende des Jahres alle in Deutschland betroffenen Fahrzeuge so umgerĂźstet wĂźrden, dass sie die Abgas-Grenzwerte einhalten.cite-ref-563[563]
Siehe auch
Literatur
⢠Kai Borgeest: Manipulation von Abgaswerten. 2. Auflage. Springer Vieweg, Wiesbaden 2021, ISBN 978-3-658-32810-8.
⢠Jack Ewing: Wachstum ßber alles. Der VW-Skandal. Die Personen. Die Technik. Die Hintergrßnde. Droemer, Mßnchen 2017, ISBN 978-3-426-27704-1. (Mit Fotos und Anmerkungen)
⢠Jack Ewing: Faster, Higher, Farther. The Volkswagen Scandal. W. W. Norton & Company, New York 2017, ISBN 978-0-393-25450-1. (Amerikanische Originalausgabe)
⢠Pierre Hauck: Der Betrugstatbestand des § 263 StGB an den Klippen der Internationalisierung: USA, UK, EU. In: Zeitschrift fßr Wirtschafts- und Steuerstrafrecht. (wistra) 2017, S. 457 ff.
Rundfunkberichte
⢠Alexander Budde und Nadine Lindner: Drei Jahre Dieselskandal â Ein technischer Jahrhundertbetrug, Deutschlandfunk â Hintergrund vom 17. September 2018
⢠Willem Konrad und Lucas Stratmann: Winterkorn und seine Ingenieure â Was geschah wirklich beim Dieselskandal? Dokumentarfilm, produziert vom Norddeutschen Rundfunk fĂźr Das Erste, Länge: 44 min, verfĂźgbar bis 15. September 2022
Weblinks
Commons
: Abgasskandal
â Sammlung von Bildern
⢠Text der einschlägigen Normen innerhalb des Clean Air Act: Part A â Motor Vehicle Emission and Fuel Standards insbesondere
⢠§ 7522. Prohibited acts, (siehe v. a. Abschnitt (a)(3)(B) Verbot des Einbaus einer Abschalteinrichtung (englisch âdefeat deviceâ) fĂźr die Abgasreinigungsanlage; und da die Fahrzeuge so nicht der Zulassung entsprechen, ist auch die Inverkehrbringung ein VerstoĂ gegen das Gesetz siehe Abschnitt (a)(1))
⢠§ 7524 Civil Penalties
⢠Anschreiben des California Air Resources Board (CARB) an die Volkswagen AG, Audi AG, Volkswagen Group of America Inc. vom 18. September 2015, abgerufen am 21. September 2015
⢠Notice of Violation (sinngemäĂ: Mitteilung eines RechtsverstoĂes) (PDF) der EPA an Volkswagen vom 18. September 2015; abgerufen am 22. September 2015
⢠Erläuterungen der EPA zu der Notice of Violation mit Fragen und Antworten zum Vorgang
⢠Verordnung (EG) Nr. 715/2007 ßber die Typgenehmigung von Kraftfahrzeugen hinsichtlich der Emissionen von leichten Personenkraftwagen und Nutzfahrzeugen (Euro 5 und Euro 6), insbes. Artikel 5 (2): Unzulässigkeit von Abschalteinrichtungen
⢠Volkswagen AG: Ăbersicht kritischer CO2-Fahrzeuge Modelljahr 2016. (PDF) volkswagen-newsroom.com; abgerufen am 15. November 2015
⢠Britta Reuther, Carsten Binsack, Maik Gizinski und Stephan Lamby: Die Volkswagen-Story. Die Story im Ersten vom 16. November 2015 (YouTube)
⢠The exhaust emissions scandal (Dieselgate) â Take a deep breath into pollution trickery â Vortrag auf dem 32. Chaos Communication Congress (32c3) vom 27. Dezember 2015
⢠Ernst-Ludwig von Aster: Umwelthilfe versus Autoindustrie â Die Abgasjäger, Deutschlandradio Kultur vom 8. November 2016
⢠Achim Scheunert: Diesel im Visier, Arte vom 12. Mai 2016 (YouTube)
⢠Lena ReuĂ: VW-Skandal â Chronik (Update!): Die HintergrĂźnde des VW-Skandals (Memento vom 1. Mai 2017 im Internet Archive). In: Autozeitung, 15. Mai 2017; Archiviert vom Original am 15. Mai 2017.
⢠Stefanie Dodt, Max Hägler, Klaus Ott: Dieser Lobbyverein lieà Affen Dieselabgase einatmen. sueddeutsche.de, 28. Januar 2018; abgerufen am 30. Januar 2018.
⢠EUGT 2012â2015. (Memento vom 31. Januar 2018 im Internet Archive) In: Handelsblatt online, Europäische Forschungsvereinigung fĂźr Umwelt und Gesundheit im Transportsektor, Tätigkeitsbericht, 2015
⢠Autoindustrie: Der Abgasskandal. (Memento vom 8. November 2018 im Internet Archive) Eine Chronik des Abgangsskandals fßr den Zeitraum vom Sommer 2007 bis Ende September 2018. Zeit Online, 30. Januar 2018.
Einzelnachweise
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cite-note-33. â Markus Balser, Thomas Fromm, Klaus Ott: Abgasaffäre: Ein Debakel fĂźr die gesamte Autoindustrie. In: SĂźddeutsche Zeitung. 22. April 2016, abgerufen am 28. Juni 2023.
cite-note-44. â Autos verbrauchen mehr als angegeben. In: tagesschau.de. 17. November 2016, abgerufen am 26. November 2016.
cite-note-hblatt-55. â Alexander MĂśthe: Selbst neueste Dieselmotoren verfehlen in einer Studie die EU-Grenzwerte. In: Handelsblatt online. 6. Juni 2018, archiviert vom Original (nicht mehr online verfĂźgbar) am 15. August 2022; abgerufen am 14. März 2013.
cite-note-eugh-66. â EuG-Urteil erklärt Konformitätsfaktoren fĂźr unwirksam â Stickoxid-Grenzwert fĂźr Euro 6-Diesel muss auch im Realbetrieb eingehalten werden. In: bund.net. Abgerufen am 7. August 2024. âIm Kern erlaubt der EuG den Städten, die von der Kommission festgelegten Emissionsgrenzwerte fĂźr RDE-PrĂźfungen (Real Driving Emissions) anzufechten.â
cite-note-tagesanzeiger-20170802-77. â Jan Schmidbauer, Jakob Schulz: Autokonzerne sind die Sieger des Diesel-Gipfels. In: Tages-Anzeiger. TX Group, 2. August 2017, abgerufen am 2. August 2017.
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